Kratzer in der Glitzerwelt: Dubai und die Krise | Nahost | DW | 04.01.2010
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Nahost

Kratzer in der Glitzerwelt: Dubai und die Krise

Dubai will historisch werden

Im Norden von Dubai wird tatsächlich schon abgerissen. Dort entstehen statt der Wolkenkratzer jetzt geduckte, urarabische Häuschen. Stück für Stück hat die Stadtverwaltung von Dubai die alten Häuser zusammentragen lassen und baut sie wieder auf, in einem riesigen Freilichtmuseum. Ganze Gebiete sollen nachgebaut werden, um zu zeigen, wie Dubai damals aussah - vor nicht mal 40 Jahren: Ein Dorf am Rand der Wüste, mit ein paar Fischern und Kamelhirten. Diese Seite von Dubai dürfe nicht vergessen werden, sagt Achmed, der im Freilichtmuseum arbeitet. Er will, dass Dubai wieder ein Gesicht bekommt, eine Identität.

Identitäts-Krise!

Burger King in Dubai (Foto: ako)

Burger King in Dubai

Das ist die Krise, in der Dubai wirklich steckt: Die Suche nach Identität, nach Einzigartigkeit. Nach dem, was Dubai von seinen Vorbildern, Städten wie Los Angeles oder Las Vegas, eigentlich unterscheidet. Das was Dubai wirklich verloren gegangen ist bei dem schnellen Wachstum, das, was viel schwerer wiegt als all das verzockte Geld, ist die verlorene Suche nach sich selbst. Wer bin ich? Wo komme ich her? Was macht mich einzigartig? Diese Fragen hat sich Dubai nie gestellt. Zwischen Touristenbespaßung, Techno im Taxi und Jingle Bells im Aufzug ist eines verloren gegangen: Stille.

Fremd in der Heimat

Ganim, ein Bewohner im Altenheim in Dubai (Foto: ako)

Ganim, ein Bewohner im Altenheim in Dubai

Immer, wenn der Muezzin ruft, schaut Gamin rüber zu den Hochhäusern. Der alte Beduine lebt im Altenheim. Dorthin haben sie ihn gebracht, damals, als sie ihm seine Wüste nahmen und doch Hochhäuser bauten. Der alte Beduine versteht sein Land nicht mehr. Er ist fremd in seiner Heimat geworden, sagt Heimleiter Mohammed. "Die alten Menschen in Dubai sind orientierungslos zwischen all den Hochhäusern und modernen Dingen, es hat sich ja alles verändert. Sie fühlen sich verloren."

Ganim spricht kaum noch. Das Heimgebäude betritt er nur zum Essen. Er mag es nicht, wenn er den Himmel nicht sehen kann. Draußen, vor dem Altenheim haben seine Pfleger ihm ein Zelt gebaut, ein bisschen so wie damals in der Wüste. Dort schläft der altre Beduine.

Alte Menschen findet man kaum noch

Alter Mann im Altenheim in Dubai (Foto: ako)

Alter Mann im Altenheim in Dubai

Die Krise in Dubai? Für die Heimbewohner sind es vor allem die Menschen, die in der Krise sind. Alte Einheimische sucht man in der Stadt vergebens. Für sie gibt es keinen Platz in dieser neuen Welt. Heimleiter Mohammed will das ändern: Er fährt mit den Bewohnern im Rollstuhl zu den Wolkenkratzern. Dann fahren sie mit den anten Beduinen in die 89.Etage. "Unsere Bewohner sind zwar alt, aber doch nicht zurückgeblieben", sagt Mohammed. "Sie sollen sehen, was draußen passiert."

Wenn Ganim, der alte Beduine, nicht in seinem Zelt sitzt, ist auch er draußen unterwegs. Dann irrt er auch dem Parkplatz von dem Altenheim, zwischen den dicken Geländewagen. Er sucht. Was er sucht. Sein Pfleger Ali zuckt mit den schultern: "Er hat sich selbst verloren", sagt er. "Damals, da hatten wir nichts, aber wir waren doch glücklich. Heute haben wir alles, aber glücklich - das sind wir nicht."

Eine der Hauptstrassen in Dubai (Foto: ako)

Eine der Hauptstrassen in Dubai

"Insha'Allah"

Die jungen Scheichs machen sich keine Gedanken über die Sorgen der alten. Hauptsache, das Geld ist da, um nachher mit dem Sportwagen noch ein paar Wettrennen in der Wüste zu fahren. Überhaupt: Die Ausländer scheinen sich um Dubai mehr Sorgen zu machen als die Inländer. Die Ausländer treffen sich in Meetings und beraten Strategien gegen die Krise. Die Inländer gehen shoppen.

Die Ausländer sprechen von Neudefinierung, Umstrukturierung und Marktanpassung. Die Inländer sagen "Insha'Allah", das heißt "so Gott will".

Gastarbeiter in der Krise

Übrig bleibt vor der riesigen Mall Radscha aus Sri Lanka mit seinem Taxi. Und er ist einer der ersten, der die finanzielle Krise wirklich spürt: "Ich lebe hier mit sechs Leuten auf einem Zimmer, mit einer Toilette. Wir kommen alle aus Indien oder Sri Lanka, wir sind hier zum arbeiten und schicken das Geld zu unseren Familien nach Hause. So schlimm wie jetzt war es noch nie. Vorher hab ich vielleicht acht Trips an einem Tag gefahren, heute sind es ein bis zwei. Das ist die Krise. Es ist wirklich schwierig."

Ob Dubai aus der Krise wieder herauskommt, in der es offiziell noch immer nicht stecken mag? Da lächelt auch Radscha: "Insha'Allah", sagt er. Denn das ist hier schon international.

Autorin: Anna Kuhn-Osius

Redaktion: Thomas Latschan