Kosovo muss schon wieder wählen | Europa | DW | 24.12.2020
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages
Anzeige

Balkan

Kosovo muss schon wieder wählen

Das Verfassungsgericht hat die Wahl von Premier Hoti für ungültig erklärt, weil ein wegen Betrugs verurteilter Abgeordneter daran teilgenommen hatte. Damit steht der jüngste Staat Europas erneut vor vorgezogenen Wahlen.

Kosovo Avdullah Hoti

Kosovos Noch-Premier Avdullah Hoti bei einer Pressekonferenz in Pristina am 6.6.2020, drei Tage nach seiner Wahl

Nach nicht mal sieben Monaten im Amt muss Kosovos Premierminister gehen: Laut Urteil des höchsten Gerichts in der Hauptstadt Prishtina war die Wahl der Regierung unter Avdullah Hoti von der Demokratischen Liga des Kosovo (LDK) am 3.6.2020 nur dank der Stimme eines Abgeordneten zustande gekommen, der laut Verfassung gar nicht im Parlament hätte sitzen dürfen. Er war wegen Betrugs verurteilt worden.

Bei der Abstimmung hatte Hoti die Stimmen von 61 der insgesamt 120 Volksvertreter erhalten - und damit den erst seit Februar 2020 amtierenden, reformorientierten Regierungschef Albin Kurti von der linken Partei "Vetëvendosje" (deutsch: Selbstbestimmung) abgelöst. Seitdem fordert Vetëvendosje Neuwahlen. Die Partei Kurtis war es auch, die die Verfassungsbeschwerde gegen die Regierung Hoti erhoben hatte. Nun bekam sie Recht: Das Parlament muss innerhalb von 40 Tagen neu gewählt werden. Bis dahin soll das Hoti-Kabinett als Interims-Regierung im Amt bleiben.

Pristina-Kosovo PK Partei Vetevendosja

Albin Kurti und Vjosa Osmani bei einer Pressekonferenz in Prishtina im Oktober 2019

Bereits seit November diesen Jahres hat die seit 2008 unabhängige ehemalige jugoslawische Provinz Kosovo eine Interims-Präsidentin: Das Amt übt die Parlamentsvorsitzende Vjosa Osmani aus, seitdem das gewählte Staatsoberhaupt, Hashim Thaçi von der Demokratischen Partei Kosovos (PDK), nach einer Anklage vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag zurückgetreten war. Laut Verfassung kann Osmani das Amt jedoch nur noch vier Monate lang ausüben.

Mit den Inhabern der beiden wichtigsten Positionen in Europas jüngstem Staat auf Abruf steckt Kosovo nun in einer tiefen institutionellen Krise. Hinzu kommen Probleme beim Umgang mit der Corona-Pandemie: Seit Monaten befindet sich das Land im Lockdown. Die Infektions- und Todes-Zahlen waren zeitweise dramatisch hoch. Das Gesundheitssystem ist offensichtlich völlig überlastet, die Bevölkerung unzufrieden - was die anstehenden Neuwahlen stark beeinflussen dürfte.

Demokratie beschädigt

Institutionelle Krisen sind in Kosovo nicht selten. Seit der Unabhängigkeit ist keine Regierung bis zum Ende der Legislaturperiode im Amt geblieben. Die derzeitige Krise aber sei die schwerste in der Geschichte des kosovarischen Staats, sagt Blerim Burjani, politischer Analyst und Experte für Verfassungsfragen gegenüber der DW. Er macht die politischen Parteien verantwortlich, die "mit ihrem Handeln den Sinn der Demokratie beschädigt" hätten.

Niederlande Justiz l Kosovos Ex-Präsident Hashim Thaci in den Haag vor Gericht

Ex-Präsident Hashim Thaçi im Gerichtssaal des Kriegsverbrechertribunals in Den Haag. Vorne links Anwalt David Hooper

"Die Parteien werden wie Privateigentum der Parteivorsitzenden und der Menschen um sie herum behandelt", so Burjani. "Sie betrachten Politik als Mittel, um Gehälter und andere Privilegien zu erhalten. Das untergräbt den Sinn von Demokratie".

Neue Wahlen, alte Parteien

Der Verfassungsexperte hegt wenig Hoffnung, dass Kosovo nach Neuwahlen endlich auf die Beine kommt: "Die Parteien sind die gleichen und die Probleme auch. Diese häufen sich, ohne das Lösungen für sie gefunden werden." Die Demokratie in Kosovo sei im Zustand einer "kompletten Verwirrung und Ungewissheit" aufgrund der Art, mit der die Politiker den Staat behandeln.

Kosovo Tomas Szunyog und Präsidentin Kosovo Vjosa Osmani

Interims-Präsidentin Vjosa Osmani (r.) mit Tomáš Szunyog, EU-Botschafter in Kosovo (l.)

Tatsächlich hat Interims-Präsidentin Osmani bereits Gespräche mit Vertretern der politischen Parteien begonnen, um einen Termin für Neuwahlen zu vereinbaren. Dies wird in der Entscheidung des Verfassungsgerichts vorgeschrieben, in der es heißt: "Der Präsident der Republik Kosovo kündigt die Wahlen an, die dann spätestens nach 40 Tagen stattfinden müssen."

Gefahr: Staatsbankrott

Premierminister Avdullah Hoti betonte derweil am 22.12.2020, seine Interims-Regierung arbeite in engem Kontakt mit den Vertretern der anderen Fraktionen im Kosovo-Parlament daran, dass "das Parlament in der jetzigen Zusammensetzung das Budget für das nächste Jahr sowie einige internationale Vereinbarungen in Zusammenhang mit dem Haushalt genehmigt". Gelingt das nicht, rechnen Wirtschaftsexperten mit einem Staatsbankrott.

Safet Gerxhaliu

Safet Gerxhaliu, ehemaliger Präsident der Handelskammer von Kosovo

"Bevor Neuwahlen abgehalten werden, muss das Parlament den Haushalt genehmigen, um einen finanziellen Kollaps zu vermeiden", sagt Safet Gerxhaliu, ehemaliger Präsident der Handelskammer von Kosovo. Höchste Priorität der Politik müsse in Zeiten der Corona-Pandemie sein, das soziale und wirtschaftliche Leben zu gewährleisten, so Gerxhaliu weiter. Er appelliert an die politischen Parteien, "sich zusammenzureißen und ihre eigenen Interessen zurückzustellen".

Die Bürger haben das Wort

Die Mitglieder der derzeitigen Regierungskoalition - Hotis LDK, die Allianz für die Zukunft Kosovos (AAK), die Sozialdemokratische Initiative, die Serbische Liste und Abgeordnete anderer nationaler Minderheiten - kündigten an, dass sie die Entscheidung des Verfassungsgerichts respektieren und sich auf Neuwahlen vorbereiten.

Auch die nach Kurtis Vetëvendosje zweitstärkste Oppositionskraft, die Demokratische Partei Kosovos (PDK), begrüßte die Entscheidung des Verfassungsgerichts. Die aktuelle Regierungskoalition habe "keine parlamentarische Mehrheit mehr, was das normale Funktionieren der staatlichen Institutionen blockiert."

Kosovo Avdullah Hoti und Philip Kosnet

Kurz nach seiner Wahl zum Kosovo-Premier: Avdullah Hoti (r.) im Gespräch mit US-Botschafter Philip Kosnet am 6.6.2020

Sowohl der EU-Botschafter in Kosovo, Tomáš Szunyog, als auch die US-Botschaft in Prishtina riefen alle politischen Parteien und Institutionen dazu auf, die Entscheidungen des obersten Gerichts zu respektieren. "Die kosovarischen Behörden müssen sicherstellen, dass die Bürger die Möglichkeit bekommen, ihre Vertreter durch freie, gerechte und friedliche Wahlen zu bestimmen", heißt es in der Erklärung der US-Botschaft.

Anzeige