Kopfverletzungen: Die unterschätzte Gefahr | Fußball | DW | 07.05.2018
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Fußball

Kopfverletzungen: Die unterschätzte Gefahr

Laut einer Studie erleiden mehr als 60 Prozent aller Fußballer in einer Saison Gehirnerschütterungen. Manchmal sind sie so schwer, dass die Sportler sogar ihre Karriere beenden müssen.

"Ich erinnere mich an alles", sagt Ryan Mason. "An die kurz getretene Ecke, die Flanke in den Strafraum und an den Aufprall. Er kam aus dem Nichts." 

Am 22. Januar 2017 absolvierte Mason das letzte Spiel seiner Karriere, die ihn eigentlich zu den Tottenham Hotspur und in der Folge in die englische Nationalmannschaft führen sollte. Seine letzte Aktion als Profi war eigentlich Routine: Per Kopf wollte Mason im Auswärtsspiel gegen Chelsea an der Stamford Bridge für sein Team Hull City klären, doch er prallte derartig heftig und unglücklich mit Chelseas Gary Cahill zusammen, dass er einen Schädelbruch erlitt. Trotz enormer Anstrengungen, wieder auf den Platz zurückkehren zu können, beendete der 26-Jährige auf Anraten der Ärzte im vergangenen Februar seine Karriere. 

Besorgniserregende Statistiken

Kopfverletzungen wurden lange Zeit als Teil des "rauen und harten Fußballs" abgetan. Als der damalige deutsche Nationalspieler Christoph Kramer im WM-Finale 2014 eine Gehirnerschütterung erlitt, fragte er Mannschaftsarzt Dr. Müller-Wohlfahrt, der auf das Spielfeld geeilt war: "Ist das das WM-Finale?" Der Arzt nahm an, dass Kramer scherzte, doch das war nicht der Fall. "Ich muss es wissen", beharrte Kramer auf seiner Frage. 

Füssballer der Hull City Ryan Mason verletzt (Schädelbruch) (picture alliance/AP Photo/F. Augstein)

Ryan Mason liegt nach dem verhängnisvollen Zusammenprall mit Gary Cahill am Boden

Kopfverletzungen dieser Art sind überraschend häufig, in der Bundesliga und allen anderen großen Ligen. Doch sowohl die Behandlungsmethoden von Kopfverletzungen als auch die Einstellung dazu hinken im Fußball - im Gegensatz zu anderen Sportarten wie Rugby oder American Football - noch weit hinterher. In der gesamten NFL-Saison 2017 wurden beispielsweise 281 Gehirnerschütterungen verzeichnet nach 38 im Jahr 2016.

Eine mögliche Folge von Gehirnerschütterungen ist die chronische traumatische Enzephalopathie, kurz CTE. Hierbei handelt es sich um eine degenerative Gehirnerkrankung, die durch wiederholte Gehirnerschütterungen verursacht wird. Verschiedene medizinische Studien sind zu dem Schluss gekommen, dass eine direkte Verbindung zwischen Gehirnerschütterungen und dem Einsetzen von CTE besteht. Im Jahr 2005 veröffentlichten Forscher den ersten bestätigten CTE-Fall bei einem NFL-Spieler (der Hauptautor dieser Studie, Neuropathologe Bennet Omalu, wurde im Film "Erschütternde Wahrheit" von Hollywoodstar Will Smith porträtiert). Die Ergebnisse dieses Berichts enthielten besorgniserregende Statistiken, die darauf hindeuteten, dass CTE bei NFL-Spielern weit verbreitet sein könnte.

Das Problem der bevorzugten Behandlungen 

Im Fußball kommen Kopfverletzungen wie Gehirnerschütterungen (0,41 pro NFL-Spiel) wesentlich seltener vor, aber das Risiko von schweren Verletzungen ist insgesamt größer, da im Vergleich zum Football kaum ein Spieler eine schützende Kopfbedeckung trägt. Im Fußball hatte man gehofft, dass der Kopfschutz, den Arsenal-Torhüter Petr Cech seit seiner Begegnung mit dem Tod in einem Premier-League-Spiel 2006 trug, zumindest bei Torhütern zur Norm werden sollte - doch dies entpuppte sich als vergebliche Hoffnung.

Ryan Mason sagt sogar, dass die Behandlung, die er unmittelbar nach dem Zusammenprall auf dem Platz erfuhr, nicht ausreichend gewesen sei. "Es war unglaublich, sie haben mich mit dem Ziel behandelt, dass ich wieder fit auf den Platz zurückehren kann, auch wenn ich das Spielfeld zunächst verlassen musste", sagt Mason im Gespräch mit DW.  "Doch genau das ist der Bereich, in dem sich die Dinge ändern müssen. Die Richtlinie besagt, dass bei Schädelverletzungen, bei denen zwei Spieler am Boden liegen, der Heimspieler vorrangig behandelt wird. Ich hatte jedoch eine viel schwerere Verletzung als Gary Cahill, musste aber länger warten, um angemessen behandelt zu werden."

24-Stunden-Sperren als Lösung?

Der Fußball hat in Sachen Sensibilität für Kopfverletzungen noch einen langen Weg vor sich, bevor das Bewusstsein und das Know-how erreicht werden können, die in der NFL geholfen haben, das Problem effektiv zu bekämpfen. Das belegen auch Aussagen von Dr. Tim Niedergassel, Teamarzt des Zweitligisten Arminia Bielefeld, der im Gespräch mit DW sagt, dass das aktuelle Verfahren zur Behandlung von Kopfverletzungen nicht ausreicht, um die Spieler ausreichend zu schützen.

"Was bei einer Kopfverletzung passieren sollte und was tatsächlich passiert, sind in der Regel zwei verschiedene Dinge", so Niedergassel, der auch beim Hamburger SV als Mannschaftsarzt tätig war, gegenüber DW. "Theoretisch sollte der Teamarzt so schnell wie möglich auf das Feld dürfen, um eine grundlegende neurologische Untersuchung durchzuführen. Dies ist die obligatorische Mindestkontrolle, die unbedingt notwendig ist. Genau hier unterscheiden sich Kopfverletzungen von anderen Verletzungsarten."

Fußball WM Finale Argentinien Deutschland (Getty Images)

"Ist das das WM-Finale?", fragte Christoph Kramer den Teamarzt nach seiner Kopfverletzung im WM-Finale 2014

Niedergassel fordert einen Kulturwandel und dass die Spieler nach einem Schlag auf den Kopf mindestens 24 Stunden lang nicht spielen dürfen. "Im WM-Finale 2014 hätte Christoph Kramer absolut nicht weiterspielen dürfen, das ist klar. Er hatte eine Gehirnerschütterung und das ist eine wirklich sehr ernste Sache", so der Mediziner. "Und wenn Kramer später im Spiel einen zweiten Schlag im selben Bereich seines Kopfes bekommen hätte, hätte es sogar noch ernster werden können. Er war nicht orientiert und dadurch, dass er weiterspielte, lief er Gefahr, eine chronische Gehirnverletzung zu erleiden. Ein Weiterspielen in dieser Situation muss ein No-Go sein. Er hätte einfach sofort ausgewechselt werden müssen, denn er hat eine traumatische Hirnverletzung erlitten."

"Wandel der Kultur" 

"Es ist nicht immer möglich zu bestimmen, wie intensiv eine Gehirnerschütterung zum Zeitpunkt der Verletzung ist. Daher muss ein Spieler, der eine Gehirnerschütterung erlitten hat, immer aus dem Spiel genommen werden, damit er hinreichend untersucht werden kann. Von dem Moment an, in dem ein Spieler eine Kopfverletzung erleidet, sollte er für mindestens 24 Stunden keinen Fußball spielen. Das muss im Fußball und allen Sportarten Standard sein", fordert Niedergassel. 

"Das mangelnde Bewusstsein für die Gefahren von Kopfverletzungen ist ein großes Problem, besonders im Fußball. Die Spieler werden gelobt, wenn sie sich schnell von einer Verletzung erholen und wieder auf dem Platz stehen, aber das ist ein falsches Signal und möglicherweise sehr gefährlich. Wenn Spieler von ihren Trainern oder Fans ermutigt werden, nach einer Verletzung weiterzumachen, wissen sie nicht, wie gefährlich das sein kann. Der Fußball täte gut daran, die aktuell im Spiel vorhandene Kultur bezüglich Kopfverletzungen zu überdenken und einen Wandel herbeizuführen", so Niedergassels Plädoyer Im DW-Gespräch.

Während Ryan Mason glücklich darüber sein kann, dass er sich von seiner schweren Verletzung vollständig erholt hat und eine zweite Karriere als TV-Experte begonnen hat, sollten sein vorzeitiges Karriereende und dessen Geschichte dem Fußball als Warnung dienen.

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