Kontroverse um Holocaust-Gedenkjahr in Ungarn | Europa | DW | 25.01.2014
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Europa

Kontroverse um Holocaust-Gedenkjahr in Ungarn

Die ungarische Regierung rief 2014 zum Holocaust-Gedenkjahr aus. Das ermöglicht ihr, die Vorwürfe zu entkräften, nicht entschlossen gegen Antisemitismus vorzugehen. Die jüdische Gemeinde zeigt sich dennoch skeptisch.

Ein Mann steht am 16.04.2013 am Holocaust Denkmal in Budapest. (c) dpa - Bildfunk+++

Holocaust Denkmal in Budapest

Der 70. Jahrestag des Beginns des Völkermords an Ungarns Juden ist der Anlass für das Holocaust-Gedenkjahr: von März 1944 bis Januar 1945 waren knapp 600.000 Juden deportiert und in deutschen Vernichtungslagern ermordet worden. Zusammen mit den jüdischen Gemeinden Ungarns und unter Beteiligung des israelischen Staates ist im Gedenkjahr die Durchführung zahlreicher Aktivitäten vorgesehen. Landesweite Gedenkfeiern, die Renovierung von Synagogen und die Förderung der Erinnerungskultur in öffentlichen Einrichtungen gehören ebenso dazu, wie ein großes, neues Gedenk- und Bildungszentrum zum Holocaust am ehemaligen Josefstädter Bahnhof in Budapest.

Ein Häftlingstransport aus Ungarn trifft im Lager Auschwitz ein ((c) dpa - Bildfunk+++

Häftlingstransport aus Ungarn trifft in Auschwitz ein

Die Geste der Orbán-Regierung überraschte viele ungarische Juden positiv, doch zugleich blieben viele auch skeptisch. Nun scheinen sich die Vorbehalte zu bestätigen. So relativierte schon zu Beginn des Holocaust-Gedenkjahres der Leiter des regierungsnahen Geschichtsinstitutes "Veritas", Sándor Szakály, die ungarische Beteiligung am Holocaust. In einem Interview mit der ungarischen Nachrichtenagentur MTI sagte er, Juden in Ungarn hätten erst nach der deutschen Besetzung des Landes am 19. März 1944 "bedeutende Verluste" erlitten. Vorherige Deportationsaktionen des ungarischen Staates nannte er mit Blick darauf, dass die betroffenen Juden überwiegend nicht die ungarische Staatsbürgerschaft besessen hatten, "fremdenpolizeiliche Verfahren".

Ein umstrittenes Denkmal

Die größte Kontroverse jedoch löste inzwischen ein geplantes Denkmal zur Erinnerung an die deutsche Besetzung Ungarns am 19. März 1944 aus. Es soll auf dem zentralen Budapester Freiheitsplatz stehen und einen deutschen Reichsadler zeigen, der über den Erzengel Gabriel - der Ungarn symbolisieren soll - herfällt. Es ist ausdrücklich "allen Opfern" des Zeitraumes von März 1944 bis zum Kriegsende im April 1945 gewidmet. Nach Lesart der Regierung, wie sie auch in der Präambel der neuen, seit 2012 gültigen ungarischen Verfassung festgehalten ist, endete Ungarns Souveränität am 19. März 1944. Der ungarische Staat, so die Konnotation, sei also nur eingeschränkt oder gar nicht verantwortlich gewesen für den Holocaust an den ungarischen Juden.

Viktor Orban REUTERS/Vincent Kessler

Ungarns Premier Viktor Orbán

Ungarns jüdische Gemeinden und zahlreiche jüdische Verbände protestierten inzwischen gegen das Denkmal und forderten die Regierung auf, es nicht einzuweihen. Der Vorsitzende der Gemeindeförderation Mazsihisz, András Heisler, sagte am Dienstag (21.01.2014) in Budapest, wenn die Regierung an der Einweihung des Denkmals festhalte, und wenn der Leiter des Geschichtsinstitutes "Veritas" nicht zurücktrete, stehe die Teilnahme der Gemeindeförderation am Gedenkjahr infrage.

"Grobe und tendenziöse Geschichtsfälschung"

Ein Sprecher der Regierungspartei Fidesz nannte die Debatte um das Denkmal "Hysterie". Ungarns Regierungschef Viktor Orbán verteidigte das Denkmal. In einem Brief an den Mazsihisz-Vorsitzenden Heisler soll er geschrieben haben, es gebe Kräfte, die das Gedenken politisch ausschlachten würden, man werde diese Versuche jedoch entschieden zurückweisen.

Auch zahlreiche prominente ungarische Historiker protestierten inzwischen gegen das Denkmal, darunter auch Krisztián Ungváry. "Dieses Denkmal ist eine grobe und tendenziöse Geschichtsfälschung", sagt Ungváry. "Ungarn war zwar formal besetzt, blieb aber wichtiger Verbündeter Deutschlands." Der Budapester Historiker spricht auch davon, wie eifrig ungarische Behörden Juden deportiert hätten. Hätten sie sich nur an die deutschen Vorgaben gehalten, dann hätten rund 200.000 ungarische Juden mehr überlebt, rechnete Ungváry in seinem jüngsten großen Werk über die Horthy-Ordnung aus. Miklós Horthy war bis 1944 ungarisches Staatsoberhaupt.

Alles nur eine Wahlkampfveranstaltung?

Bereits im letzten Jahr hatte es im Zusammenhang mit dem Ausmaß der ungarischen Verantwortung für den Holocaust Kontroversen bei der Planung für das Gedenkjahr gegeben. Das vorgesehene Gedenkzentrum am ehemaligen Josefstädter Bahnhof in Budapest, genannt "Haus der Schicksale", wurde von der Historikerin Mária Schmidt konzipiert, die in Budapest bereits das "Haus des Terrors" leitet.

Ungarischer Parlament in Budapest (DW)

Das Ungarische Parlament in Budapest

Sie steht im Ruf, die Verantwortung des Regimes von Miklós Horthy für den Holocaust zu verharmlosen. Jüdische Gemeinden und Verbände werfen ihr vor, im "Haus der Schicksale", das vor allem die Vernichtung jüdischer Kinder darstellt, zu viel Gewicht auf einzelne ungarischen Retter von Juden zu legen. "Es wurde viel mehr Energie in die Vernichtung der Juden investiert als in ihre Rettung", sagt dazu der israelische Botschafter in Budapest, Ilan Mor.

Die neuen Kontroversen im beginnenden Holocaust-Gedenkjahr bezeichnet der Historiker Krisztián Ungváry als "nützliche Wahlkampfveranstaltung" für die Regierungspartei Fidesz. "Sie stellt Kritik als feindlichen ausländischen Angriff auf die ungarische Souveränität dar", so der Historiker. "Und bei einem großen Teil ihrer Wählerschaft, die sehr weit rechts steht, kommt das gut an".

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