Konrad Adenauer – Für ein Frieden wahrendes Europa | Spurensuche | DW | 26.06.2019
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Spurensuche

Konrad Adenauer – Für ein Frieden wahrendes Europa

Europawahl Schicksalswahl? Pater Eberhard von Gemmingen von der katholischen Kirche über Konrad Adenauer, einem Vater der europäischen Einigung, vom christlichen Glauben geleitet.

Konrad Adenauer und Robert Schuman (picture-alliance/dpa)

Väter der europäischen Einigung: Konrad Adenauer (l.) und Robert Schuman 1957. 

Der in Deutschland bekannteste „Vater Europas“ ist der Rheinländer und frühere Bürgermeister von Köln, Konrad Adenauer. Er ist der einzige unter den in dieser Reihe aufgezählten Vätern und Müttern Europas, der keine internationalen Wurzeln hat. Seine Aufgabe und Kunst bestand zunächst darin, die demokratischen Strukturen Deutschlands aufzubauen, aus den Kriegsgegnern Freunde zu machen, die deutschen Gefangenen aus der Sowjetunion zurückzuholen. Und er baute zusammen mit Robert Schuman und Alcide de Gasperi die Grundmauern Europas.

Dabei muss man sich vor Augen führen, welche Schwierigkeiten zu überwinden waren. Zunächst bestand die Aufgabe darin, die US-Amerikaner davon zu überzeugen, dass es eine Utopie ist, Deutschland zu einem reinen Agrarstaat zu machen. Die Franzosen und Engländer wollten Schadenersatz-Zahlungen und die „Zähmung“ Deutschlands, die Sowjetunion wollte den Osten des Landes sozialisieren, vom Westen trennen und womöglich auch den Westen vereinnahmen. Adenauer brauchte Zähigkeit und musste in aller Welt Vertrauen zu den Deutschen schaffen. Zudem musste er Politik und Verwaltung des Landes mit Fachleuten neu aufbauen, die vorher bei den Nationalsozialisten tätig waren. Doch er fand eben Gesinnungsgenossen vor allem in Frankreich und Italien. Seinem Kreis war klar, dass die europäischen Staaten zusammen arbeiten müssten, um langfristig jeden innereuropäischen Krieg zu vermeiden.

Sein Rückhalt war der christliche Glaube

Rückhalt für sein Bemühen bildete sein christlicher Glaube in der katholischen Kirche. Diese seine Verankerung war allgemein bekannt, er musste nicht über sie sprechen oder sie besonders zeigen. Nach Aussage des ehemaligen Präsidenten des Europäischen Parlaments und früheren Chefs der Konrad-Adenauer-Stiftung Hans-Gert Pöttering bildete für Adenauer das Christliche in der CDU die Mitte. „Im Abfall vom Christentum sah er eine der Hauptursachen für den Nationalsozialismus“, betont Pöttering und führt fort: „Bereits 1946 fasst er das in die prägnanten Worte: ,Der grundlegende Satz unseres Programms ist: An die Stelle der materialistischen Weltanschauung muss wieder die christliche treten, an die Stelle der sich aus dem Materialismus ergebenden Grundsätze diejenigen der christlichen Ethik.‘ Die wichtigste Folgerung daraus ist für Adenauer die Würde und Freiheit des Einzelnen. Und das verhindert nach seiner Ansicht eine zu starke Einmischung der Politik in das Leben der Bürger. Hier trifft er sich mit vielen evangelischen Christ-Demokraten.“1

Pöttering sagte ferner über Adenauer: In manchen Fällen vermied er es, „sich offensiv für katholische Forderungen einzusetzen, um die Protestanten in der Union nicht zu verschrecken. […] Durch diese abwägende Haltung bewahrte Adenauer die CDU davor, eine […] katholisch-klerikale Partei zu werden. Gleichzeitig sorgte er dafür, dass […] der Dialog mit den Kirchen von besonderer Bedeutung war. Adenauer hätte sich gefreut über eine Bemerkung Papst Benedikts XVI., der sich […] als ,Adenauerianer‘ bezeichnet. Für ihn hatte im Hinblick auf die Einheit Deutschlands die Freiheit immer Vorrang. […] Dass die Einheit Deutschlands in Freiheit 1990 möglich wurde, war in der Politik Adenauers angelegt. Dass ein Papst seine Politik unterstützte, hätte er mit Genugtuung zur Kenntnis genommen und nicht als ,klerikalen Einfluss‘ auf seine Politik verstanden.“2

„Auch in der Politik ist es niemals zu spät“

Konrad Adenauer hatte auch mit 73 Jahren, als er Bundeskanzler wurde, sein Schmunzeln nicht verloren. Das zeigen einige Aussprüche: „Man darf niemals ,zu spät‘ sagen. Auch in der Politik ist es niemals zu spät. Es ist immer Zeit für einen neuen Anfang.“ Oder: „Wer Berlin zur neuen Hauptstadt macht, schafft geistig ein neues Preußen.“ Oder: „Bei der Politik handelt es nicht darum recht zu haben, sondern recht zu behalten.“ Oder: „Jede Partei ist für das Volk da und nicht für sich selbst.“ Oder: „Wenn zwei Menschen immer die gleiche Meinung haben, taugen sie nichts.“ Oder: „Ich bin diktatorisch, nur mit stark demokratischem Einschlag.“ Oder: „Alle menschlichen Organe werden mal müde, nur die Zunge nicht.“

1 Hans-Gert Pöttering, „Konrad Adenauer, die Religion und die Kirchen“, https://www.kas.de/einzeltitel/-/content/konrad-adenauer-die-religion-und-die-kirchen, abgerufen am 15.04.2019.
2 ebd.

 

Pater Eberhard von Gemmingen Radio Vatikan (picture-alliance/ ZB)

Pater Eberhard von Gemmingen SJ ist 1936 in Bad Rappenau geboren. Nachdem er 1957 in den Jesuitenorden eingetreten ist, studierte er 1959 Philosophie in Pullach bei München und Theologie in Innsbruck und Tübingen. 1968 erfolgte seine Priesterweihe. Pater Eberhard von Gemmingen SJ war Mitglied der ökumenischen Laienbewegung action 365, bischöflicher Beauftragter beim ZDF und Leiter der deutschsprachigen Redaktion von Radio Vatikan. Seit 2010 ist er Fundraiser der deutschen Jesuiten.