Komplex | Sprachbar | DW | 01.01.1970
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Sprachbar

Komplex

Das muss man differenziert betrachten – sagen Leute, die entweder einen Sachverhalt gut zu kennen glauben oder schlicht nicht wissen, was sie sonst sagen sollen. Ganz ähnlich verhält es sich mit unserem Stichwort.

Es ist eine Binsenweisheit, dass so gut wie alles gar nicht so einfach ist. Der Volksmund bereichert diese Erkenntnis um den Zusatz: "Vor allem, wenn man es doppelt nimmt." Damit sind wir schon ganz nahe beim Stichwort der Woche, aber vorher ein Wort zur Binsenweisheit.

Wie geheim ist ein Geheimnis, das in die Binsen geht?

In der deutschen Sprache steht der Ausdruck "Binsenweisheit" für unbestrittene und selbstverständliche, allgemein bekannte Wahrheiten. Das mit den Binsen ist eine komplizierte Geschichte, die wir deshalb nur in kürzester Fassung wiedergeben. Dem sagenhaften König Midas hatte Apoll Eselsohren angezaubert. Nur der Barbier des Königs wusste um das Geheimnis und wurde zu strengstem Stillschweigen verpflichtet.

Aber, wie das so geht im Leben, mit Geheimnissen lebt es sich schwer, und so ging der Barbier eines Tages an den Fluss und vertraute den Binsen am Ufer die Geschichte von den königlichen Ohren an. Die flüsterten es bald in alle Winde, so dass sie jeder erfuhr. Wir sehen, hinter dem Ausdruck "Binsenweisheit" stehen komplexe Zusammenhänge.

Im Zweifel ist die Sache komplex

Ob der arme König unter einem Komplex, vielleicht sogar an einem Eselsohrenkomplex gelitten hat, davon wissen wir nichts. Als sicher indessen gilt, dass Menschen mit körperlichen Gebrechen oder Missbildungen sehr leicht unter Komplexen leiden können. Aber da sind wir schon mitten drin in der komplexen psychologischen Abteilung unseres Bedeutungskatalogs von "Komplex", dem Stichwort dieser Woche.

In der Tat ist alles nicht ganz so einfach und immer dann, wenn es besonders schwierig wird und Erklärungsnotstand droht, greifen wir der Einfachheit halber zu "komplex" als Adjektiv oder zur nominalisierten Form "Komplex", dem Hauptwort. Natürlich unterstellen wir niemandem Denkfaulheit oder sprachliches Unvermögen, der "komplex" verwendet. Eher Hilflosigkeit. Und diese ist angesichts der überaus komplexen und komplizierten Lage weiß Gott verständlich. Welcher Lage? Nun, beispielsweise der im Nahen Osten.

Dies und das, hier und dort, dann und wann

Was heißt das nun? Komplex?. Es heißt, als Adjektiv, "zusammengesetzt", "verwickelt", "vielfältig" und dennoch "ein Ganzes ergebend". Damit sind wir jedoch in Bezug auf das Geschehen im Nahen Osten genau so schlau wie vorher. Aber immerhin: "Komplex" kann gerade in diesem Zusammenhang eben nicht bedeuten, dass auf der einen Seite die Guten und auf der anderen Seite die Bösen sitzen.

Das Problem ist umfassender: "complexus"; lateinisch "umfassend", "zusammengehörig". Religion, Politik, Geschichte, Alltag, Vergangenheit und Gegenwart, Arm und Reich, Anpassung und Widerstand, Hass und Versöhnung, Gewalt und Gegengewalt – eine Mischung, die, wenn man so will, annähernd die komplexe Beziehung zwischen Palästinensern und Israelis beschreibt. Aber verlassen wir den komplexen Bereich der Politik. Unser Stichwort ist zu komplex, als dass wir es nur auf diesen Bereich beschränken könnten.

Bauwerke mit psychischen Problemen?

Wenden wir uns "Komplex" als Hauptwort, als substantiviertem Lehnwort zu. Es ist spät ins Deutsche gekommen, nämlich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Zunächst in der Bedeutung von "Verbindung" beziehungsweise "Gruppe". Wir fügen gleich hinzu, dass es sich um Verbindungen und Gruppen unterschiedlicher Art handelt. Geradezu landläufig ist der Ausdruck "Gebäudekomplex" geworden. Klassische Beispiele: Schulen, Universitäten, Krankenhäuser und Wohnanlagen.

Unterschiedliche Räume, die zu verschiedenen Zwecken genutzt werden, Versorgungseinrichtungen, Verbindungswege innerhalb und außerhalb der einzelnen Gebäude, Zu- und Abfahrtswege, Brandschutzzonen, all dies – und bestimmt haben wir etwas vergessen – macht eine Ansammlung von Gebäuden, die funktional miteinander in Verbindung stehen, zu einem Gebäudekomplex. Inzwischen gibt es den schönen Ausdruck "Regierungskomplex" für die Regierungsgebäude der Bundesrepublik Deutschland in Berlin. Ein Komplex gilt als geschlossenes Ganzes, dessen Teile auf vielfältige Art und Weise miteinander verknüpft sind.

Nur keine voreiligen Schlussfolgerungen

Man spricht auch von "Komplexität", wenn die Vielschichtigkeit und das Ineinander vieler Merkmale auf einen Nenner gebracht werden sollen. Auch der "Komplex" als psychologischer Begriff ist die Summe unterschiedlicher aber sich zu einem Ganzen formender Bestandteile. Freilich handelt es sich hier um Erlebnisse, um Eindrücke und Erfahrungen, die sich auf die menschliche Psyche negativ auswirken und sich in mehr oder minder deutlichen Krankheitsbildern darstellen.

Aber Vorsicht: Die Psychologie ist ein so komplexes Gebiet, dass sich leichtfertige Äußerungen über Komplexe geradezu verbieten. Wir können noch nicht einmal behaupten, dass Midas aufgrund seiner Eselsohren einen Minderwertigkeitskomplex entwickelt hat. Wieso auch? Immerhin war er König.

Fragen zum Text:

Was ist eine Binsenweisheit?

1. ein unergründliches Geheimnis

2. eine selbstverständliche, allgemein bekannte Wahrheit

3. das Ergebnis naturkundlicher Studien

Das Wort "komplex" stammt aus dem…?

1. Griechischen

2. Lateinischen

3. Arabischen

Ein Gebäudekomplex ist…?

1. ein Gebäude, dessen Architektur sehr kompliziert ist

2. die neurotische Angst vor Bauwerken aller Art

3. eine Gruppe von Gebäuden, die miteinander in Verbindung stehen

Arbeitsauftrag:

Bilden Sie zwei Gruppen. Der Spielleiter/Kursleiter schreibt eine Reihe von komplexen, zusammengesetzten Wörtern auf jeweils verschiedene Zettel und legt sie zu einem Stapel zusammen. Jeweils ein Kursteilnehmer muss nun den Mitspielern aus seiner Gruppe möglichst viele Begriffe, die er vom Stapel zieht, innerhalb einer festgelegten Zeitspanne erklären. Dabei ist es verboten, Mimik oder Gestik einzusetzen bzw. auf Gegenstände zu zeigen.

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