Kommt nach dem Coronavirus der Terror nach Großbritannien? | Europa | DW | 11.07.2020
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Extremismus

Kommt nach dem Coronavirus der Terror nach Großbritannien?

Experten warnen, dass es im Vereinigten Königreich zu einem Wiederaufleben von Extremismus und Gewalt kommen könnte. Besonders rechte Gruppen hätten die Situation während der Corona-Krise ausgenutzt.

UK Vorfall in Reading | Mehrere Menschen in Park mit Messer veletzt (picture-alliance/dpa/S. Parsons)

Bewaffnete Polizeibeamte in Reading: Bei der Terrorattacke starben drei Menschen

Am Abend des 20. Juni, einem schönen, sonnigen Sommertag, schlug der Terror in Großbritannien ohne Vorwarnung zu. Der 25-jährige Khairi Saadallah lief mit einem Messer bewaffnet in einen Park der Stadt Reading und erstach nach Darstellung der Staatsanwaltschaft "wahllos und wild" drei Menschen, die sich dort in einer größeren Gruppe versammelt hatten.

Für Neil Basu, Leiter der britischen Anti-Terror-Polizei, war die tödliche Attacke kein Zufall. Er sieht einen Zusammenhang mit der Corona-Krise und den strikten Ausgehbeschränkungen. Für den Terrorexperten ist Extremismus wie eine Krankheit, die nun - nach dem Abklingen der Pandemie - wieder "aufgetaucht" ist.

Isolierung macht anfällig

Basu ist mit dieser Sorge nicht allein. Experten befürchten, dass während des Lockdowns vor allem sozial isolierte und benachteiligte Menschen ohne Jobs viel Zeit im Internet verbracht haben - und so zur leichten Beute für radikale Gruppen oder Einzelpersonen im Netz werden konnten.

Neil Basu Chef der britischen Anti-Terror-Polizei (picture-alliance/empics/D. Lipinski)

Benachteiligte Menschen sind besonders gefährdet, glaubt Terrorexperte Neil Basu

"Die Isolation kann Missstände verschärfen, die Menschen anfälliger für Radikalisierung machen", sagt auch Nik Adams, leitender Polizeibeamter für die Bekämpfung von Extremismus. Die Extremisten, wüssten, dass sie die Betroffenen in dieser Situation leichter verführen könnten, "wobei sie oft aktuelle Themen als Aufhänger benutzen, um sie anzulocken".

Islamistische Fundamentalisten nutzten beispielsweise soziale Medien, um das Auftreten des Coronavirus mit Gottes Zorn gegen den Westen zu begründen. Sie forderten ihre Anhänger auf, gerade zu Zeiten der Pandemie anzugreifen, weil die Regierungen da mit dem öffentlichen Gesundheitsnotstand und weniger mit der Sicherheit beschäftigt seien, das sei die Logik.

Rechtsextreme leisten ganze Arbeit

Video ansehen 05:31

Großbritannien: 5G und das Coronavirus

Während der Corona-Krise konnte auch Großbritanniens Anti-Terrorismus-Strategie "Prevent" nicht richtig angewendet werden. Das Programm wurde entwickelt, um extremistischer Gewalt vorzubeugen - mit Hilfe von Lehrern, Mitarbeitern im Gesundheitssystem, Sozialarbeitern und religiösen Führern. Doch mit der plötzlichen Schließung von Schulen, Behörden, Jugendzentren und Gotteshäusern war dies nur noch schwer möglich, persönliche Ansprechpartner fielen weg. Im ersten Monat des Lockdowns wurden 50 Prozent weniger gefährdete Menschen an "Prevent" verwiesen.

Am stärksten von allen Gruppierungen haben Rechtsextremisten die COVID-19-Krise genutzt, um ihre Botschaften zu verbreiten, sagen Experten. Dabei wuchs schon vor der Corona-Pandemie die rechtsextreme Bedrohung in Großbritannien - wie auch in anderen europäischen Ländern - in alarmierendem Tempo. "Vor allem die Rechtsextremen haben ganze Arbeit geleistet, indem sie sich die verschiedenen Verschwörungstheorien und die rassistischen Gefühle, die mit dem Coronavirus einhergehen, zunutze gemacht haben", sagt Jessica White, Terrorismus-Expertin im Thinktank des Royal United Services Institute.

Combat 18 Rechtsextreme in Großbritannien (picture-alliance/ZumaPress/J. Goodman)

Rechter Demonstrant in Dover: Experten fürchten, dass sich der Rechtsextremismus in der Corona-Krise ausweiten könnte

Diese Form rechter Propaganda habe nach Erkenntnissen von Behörden viele Formen angenommen. Sie reichen von der Behauptung, dass die Infektion am schnellsten von bestimmten ethnischen Gruppen verbreitet werde bis hin zu Theorien über die chinesische Beteiligung an der Entstehung des Virus.

Menschen, die in einem Kreislauf von Arbeits- und Perspektivlosigkeit gefangen sind, seien oft anfälliger für diese Art von Desinformation, argumentieren Wissenschaftler. Sie befürchten, dass ein Wirtschaftsabschwung nach Ende der Pandemie das Radikalisierungsrisiko zusätzlich erhöhen könnte. Denn auch Armut und Entbehrung könnten zur Radikalisierung beitragen, sagt White.

Verletzlicher denn je

Auch in ganz praktischer Hinsicht könnten die Briten nun einer erhöhten Gefahr ausgesetzt sein. In den vergangenen Jahren gab es immer mehr Terrorattacken, bei denen ein Fahrzeug in eine Menschengruppe raste. Dieses Phänomen könnte sich weiter verbreiten, wenn das öffentliche Leben entsprechend den COVID-19-Eindämmungsmaßnahmen zunehmend im Freien stattfinde, warnen Wissenschaftler.

Schottland Edinburgh Sicherheitsbarrieren (picture-alliance/empics/J. Barlow)

Ein sicherer Schutz für Fußgänger wird wichtiger denn je, wie hier bei einem Festival in Edinburgh 2017

"Es wurde hervorgehoben, dass das Infektionsrisiko im Freien deutlich geringer ist als innerhalb des Gebäudes, und folglich werden die Menschen ermutigt, öffentliche Räume stärker zu nutzen", sagt Alasdair Booth von der Universität Loughborough. Dies werde wahrscheinlich die Verwundbarkeit der Bevölkerung erhöhen.

Um das Risiko zu mindern, müssten die Behörden Möglichkeiten zum Schutz von Fußgängerzonen und anderen Außenbereichen prüfen, so Booth. Wie etwa verstärkte Poller, die stark genug sind, um ein entgegenkommendes Fahrzeug zu stoppen. Doch das alleine wird nicht gegen einen wachsenden Extremismus helfen.

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