Kommentar: Wieder sind die Kurden die Verlierer | Kommentare | DW | 08.10.2019
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Syrien-Krieg

Kommentar: Wieder sind die Kurden die Verlierer

Mit ihrem Rückzug aus Nordsyrien verraten USA ihren treuesten Verbündeten im Kampf gegen den IS. Für die künftige Sicherheitslage in Europa könnte sich das noch als schwerer Fehler erweisen, meint Matthias von Hein.

Syrien Qamischli SDF Truppen (Getty Images/AFP/D. Souleiman)

Die Kämpfer der kurdischen YPG bildeten bisher das Rückgrat der "Syrian Democratic Forces"

"Keine Freunde außer den Bergen". Die jüngsten Nachrichten aus Washington scheinen dieses alte kurdische Sprichwort zu bestätigen. Die USA haben angekündigt, einem türkischen Einmarsch in den kurdisch kontrollierten Gebieten Nordsyriens nicht länger im Wege stehen zu wollen. Damit liefern die USA ihren engsten Verbündeten im Kampf gegen den sogenannten "Islamischen Staat" der Übermacht von Erdogans Militärmaschinerie aus.

Über 10.000 kurdische Kämpfer haben in den vergangenen Jahren im Kampf gegen den IS ihr Leben verloren. Kurdenmilizen haben das Rückgrat der SDF gebildet, der "Syrian Democratic Forces", die den Löwenanteil des Kampfes gegen den IS am Boden geführt hat. Jetzt ist klar: Die Hoffnungen der Kurden hat getrogen, sich damit den Schutz der USA vor türkischen Übergriffen verdient zu haben.

Raum für die syrischen Flüchtlinge gewinnen

Der türkische Präsident hat schon lange ein Auge auf Nordsyrien geworfen. Zuletzt hatte Erdogan bei der UN-Generalversammlung seine Pläne für eine 30 Kilometer breite "Sicherheitszone" südlich der türkischen Grenze vorgestellt. Bei einer insgesamt knapp 500 Kilometerlangen Grenze würde die Zone insgesamt etwa so groß sein das deutsche Bundesland Schleswig-Holstein.

DW Kommentarbild Matthias von Hein

DW-Redakteur Matthias von Hein

Im kriegszerstörten Syrien waren die kurdisch kontrollierten Gebiete bislang eine Oase der Stabilität. Die nun wohl unmittelbar bevorstehende Militäroperation der Türkei dürfte das ändern. Welche Folgen türkische Invasionen in Syrien haben, konnte man Anfang 2018 bei der zynisch "Operation Olivenzweig" genannten Besetzung von Afrin sehen: Dort zog türkisches Militär gemeinsam mit dschihadistischen Milizen ein. Nach UN-Angaben flohen damals knapp 140.000 Menschen aus der Stadt Afrin und Umgebung. Zu noch höheren Zahlen kommt die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte: Sie spricht von 350.000 Vertriebenen. Menschenrechtsorganisationen beklagten die systematische Zerstörung von Lebensgrundlagen. Kurdische Häuser wurden geplündert, syrische Araber angesiedelt.

Ähnliche Pläne verfolgt Erdogan auch jetzt - ganz offen. Er will Platz schaffen für die mehr als drei Millionen syrischen Flüchtlinge, die in der Türkei nicht mehr willkommen sind. Im Endeffekt bedeutet das: Erdogan plant eine ethnische Säuberung und anschließende Umsiedlung entlang der syrisch-türkischen Grenze.

Wer kümmert sich um die Reste des IS?

Bei all dem darf man nicht vergessen: der Kampf gegen den IS ist noch lange nicht gewonnen. Zwar hat er sein Territorium Anfang des Jahres verloren. Aber noch immer verstecken sich IS-Kämpfer in den Weiten Syriens. Und noch immer steckt die IS-Ideologie in den Köpfen der rund 12.000 gefangenen IS-Kämpfer, die von den Kurden in Nordsyrien bewacht werden. Und in den Köpfen der rund 70.000 geflüchteten IS-Anhängerin den nordsyrischen Lagern. Wenn das türkische Militär anrückt, werden die Kurden sich um Anderes kümmern müssen, als die menschliche Hinterlassenschaft des Terrorkalifats. Zwar hat US-Präsident Trump hier Erdogan in die Pflicht genommen: Für die gefangenen IS-Kämpfer- und Anhänger sei dann die Türkei verantwortlich. Aber sicherer wird die Welt mit dem türkischen Vorstoß nicht.

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