Kommentar: Weihnachtsgrüße ohne Weihnachten? | Kommentare | DW | 24.12.2018
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Politische Korrektheit

Kommentar: Weihnachtsgrüße ohne Weihnachten?

Die Bundesbeauftragte für Integration will niemanden verletzen. Also verschickte sie Weihnachtskarten an die Presse, in denen Weihnachten nicht vorkommt. Ihm als Muslim tut sie damit keinen Gefallen, meint Erkan Arikan.

Screenshot Twitter CDU Widmann-Mauz Weihnachtskarte (Twitter/AWidmannMauz)

...wir wünschen Ihnen eine besinnliche Zeit und einen guten Start ins neue Jahr" - so grüßt Annette Widmann-Mauz zur Weihnachtszeit

Jedes Jahr zu Weihnachten erlebe ich immer wieder besonders übereifrige Menschen: "Schöne Weihnachten! Ach nee, Du feierst ja nicht. Schöne Feiertage!"

Ja, als Deutscher mit türkischen Wurzeln, der aus einem konservativ muslimisch geprägten Elternhaus stammt, wurde bei uns Weihnachten nicht gefeiert. Für meine Familie waren die Weihnachtstage so, als wenn drei Tage lang Wochenende wäre. Aber auch wir schauten die Vierschanzen-Tournee, den "Kleinen Lord" und natürlich "Drei Nüsse für Aschenbrödel". Das war für uns die Weihnachtenzeit. 

Ich möchte auch ein frohes Weihnachtsfest haben!

Doch nun stelle ich mir jedes Jahr die Frage, ob es wirklich zwingend erforderlich ist, so penibel darauf zu achten, mir ja keine "schöne Weihnachten" zu wünschen? Ich denke: Nein! Selbst wenn es etwas merkwürdig klingen mag: Aber auch ich freue mich auf und über die Weihnachtszeit! Denn dann denken die Menschen in meinem Umfeld wenigstens einmal im Jahr an ihre Religion. Ich genieße die Besinnlichkeit und die dadurch entstehende Entschleunigung des Alltags. Weihnachten erdet - zumindest diejenigen Menschen, mit denen ich tagtäglich zu tun habe. Ein schönes Gefühl. Meine Familie und ich freuen uns jedes Jahr, Weihnachtskarten von unseren Freunden zu bekommen - genauso wie auch wir Weihnachtsgrüße verschicken. Nicht weil wir müssen. Sondern weil es eine Form des Anstands ist, die Religion anderer zu respektieren.

Erkan Arikan (DW/B. Scheid)

Erkan Arikan leitet die Türkische Redaktion der DW

Natürlich ist es ein ehrenwertes Motiv, dass gerade die Bundesbeauftragte für Integration, Migration und Flüchtlinge Menschen mit verschiedenen Religionszugehörigkeiten nicht verletzen, ihnen nicht zu nahe treten will. Aber mir, liebe Frau Widmann-Mauz treten Sie nicht zu nahe - im Gegenteil. Ich möchte auch ein frohes Weihnachtsfest haben!

Gerade diejenigen unter den nicht-christlichen Migranten, die Kinder haben, wissen wie schwer der Spagat zwischen christlichen und den eigenen religiösen Feiertagen ist. Doch ich will diesen Spagat nicht. Mit meinen Töchtern feiere ich das Ende des Ramadans, sie bekommen dann Geschenke, genauso wie auch Weihnachten bei uns gefeiert wird. Zwar ohne Christbaum und Weihnachtskrippe - aber ebenfalls mit Geschenken. Ja, ich weiß: Weihnachten ist mehr als nur Geschenke. Aber all den Oberlehrern kann ich nur erwidern: Auch wir Muslime feiern die Geburt Jesu! Weil er nämlich auch in meiner Religion ein wichtiger Prophet ist.

Warum nicht auch Glückwünsche zum Zuckerfest?

Im ersten Moment könnte man bei solch einer Grußkarte denken: "Wie schön, dass versucht wird, auf meine Befindlichkeit zu achten." Dabei ist das wirklich nicht nötig - zumindest nicht so. Denn statt mich aus den hiesigen Traditionen auszugrenzen, aus Sorge mich zu verletzen, wäre es doch viel schöner, wenn die christlich geprägte Gesellschaft auch Sensibilität aufbringen würde für die Feiertage zum Beispiel meiner Religion. Mir hat zum Ende des Ramadan oder zum Opferfest noch nie ein Nicht-Muslim gratuliert. An dieser Stelle könnten wir alle etwas befindlicher sein! Für die Zukunft möchte ich aber auf jeden Fall bitte weiter Weihnachtsgrüße, Weihnachtskarten und gerne auch Geschenke bekommen.

Nein, ich bin nicht hyper-integriert. Ich bin einfach nur ein vollwertiges Mitglied dieser Gesellschaft. Und ich lebe nicht zwischen zwei Kulturen, sondern MIT zwei Kulturen. In meinen Augen ist das eine Bereicherung und auf keinen Fall ein Hindernis für eine gelungene Integration.

Die Redaktion empfiehlt