Kommentar: Verunsicherung im Paradies - Das Ende eines grünen Kronprinzen | Kommentare | DW | 07.05.2018
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Bündnis 90/Die Grünen

Kommentar: Verunsicherung im Paradies - Das Ende eines grünen Kronprinzen

Die selbsternannte Öko-Hauptstadt Freiburg hat überraschend deutlich ihren grünen Oberbürgermeister abgewählt. Die Verunsicherung der deutschen Gesellschaft erreicht auch die vermeintlichen Paradiese, meint Jens Thurau.

Deutschland Freiburg im Breisgau Altes Rathaus (picture alliance/Pearl Bucknall/Robert Harding)

Im Freiburger Rathaus regiert in Kürze einer, der kein Parteimitglied ist und nur wenig politische Erfahrung hat

Fragt man die Deutschen, wo das Grüne in der Gesellschaft verortet ist, dann fallen vielen sicher die Großstädte und deren Szeneviertel ein: Hamburg und sein Schanzenviertel. Kreuzberg und Prenzlauer Berg in Berlin. Und einige mittelgroße Städte, vor allem im Südwesten der Republik. Dort, in Baden-Württemberg, ist die Umweltschutzpartei am weitesten vorgedrungen ins bürgerliche Lager. Deshalb ist es nicht nur eine Randnotiz aus der Provinz, wenn in Freiburg jetzt der grüne Oberbürgermeister abgewählt wurde. Und nach 16 Jahren im Amt ersetzt wird durch einen politischen Newcomer.

Politischer Tod des Kronprinzen

Der Grüne Dieter Salomon ist in Baden-Württemberg bekannt wie ein bunter Hund. Er galt bislang als möglicher Nachfolger, wenn Landesvater Winfried Kretschmann (Ja, das ganze Bundesland wird von einem Grünen regiert) als demnächst 70-Jähriger absehbar in Rente geht. Aber Salomon, dessen erneute Kandidatur in Freiburg auch von der CDU unterstützt wurde, kann als Wahlverlierer dieses Erbe nun nicht mehr antreten: Sein Gegenspieler Martin Horn, parteilos, aber von der SPD unterstützt, hat ihn nicht nur knapp, sondern um Längen geschlagen.

Freiburg: Irgendwie alternativ, irgendwie weltoffen und nachhaltig.

Und deshalb wirft das Ergebnis der Wahl vom Sonntag ein bezeichnendes Bild über Freiburg hinaus auf die Verunsicherung der Gesellschaft in Deutschland im Jahr 2018. Lange Jahre stand Freiburg für Fahrräder und Sonnenkollektoren, für Wohnen in der Stadt, für alternative Denkmodelle. Sogar der Fußball-Bundesligaverein, der SC Freiburg, war und ist ein etwas anderer Club - weniger erfolgsbesoffen, mehr nachhaltig. Und Dieter Salomon war der Stadtvater zu diesem links-alternativen Paradies. Offen für Menschen aus allen Weltregionen, tolerant, gelassen, nach vorn gerichtet in eine solare Zukunft, so das Klischee.

Thurau Jens Kommentarbild App

Hauptstadtkorrespondent Jens Thurau

Ein schrecklicher Mord

Aber so ist Deutschland im Frühsommer 2018 nicht, auch nicht in Freiburg: Wohnungen sind rar und kaum noch bezahlbar, das hat den Wahlkampf bestimmt. Und mitten in die Idylle vergewaltigte und ermordete ein vermeintlich minderjähriger Asylbewerber aus Afghanistan im Oktober 2016 eine junge Studentin. Das war bis dahin immer woanders passiert, aber nicht in Freiburg. Die Verantwortlichen bemühten sich, das schreckliche Geschehen nicht zu verallgemeinern. Und waren wie alle anderen doch ratlos, wie man richtig umgeht mit dem Unfassbaren.

Klassische Themen und Unsicherheit

So ist die Lage derzeit: Klassische Themen haben wieder Konjunktur. Die Wohnungsnot, das Soziale - Dinge, die in Freiburg für alle Zeiten gelöst schienen. Und es eben doch nicht waren. Jetzt jedenfalls traut man den bisherigen Funktionsträgern hier keine Lösungen mehr zu. Und auch im Biotop geht die unbeantwortete Frage um, wie viel Zuwanderung dieses Land verträgt, wie viel Willkommenskultur. Auch in Freiburg zieht das Neue, das Unkonventionelle. Am besten etwas, was wenig bis nichts mit den etablierten Parteien zu tun hat, zu denen längst auch die Grünen zählen. Martin Horn ist politisch bislang wenig aktiv gewesen, ist kein Mitglied einer Partei, aber er hat zugehört im Wahlkampf und wenig versprochen. Das hat gereicht.

Diese Entwicklung kann Chance sein und Gefahr zugleich. Chance, weil neue Gesichter immer gut tun. Gefahr, weil die Versuchung steigt, allein mit harscher Kritik an den angeblich etablierten Politikern Erfolge erzielen zu können. Menschen wie Martin Horn müssen jetzt liefern, damit nach dem Parteien-Frust nicht neuer Frust über diesen neuen Gestaltertyp entsteht.

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