Kommentar: USA und Deutschland - Eine Entfremdung, die zur Routine wird | Kommentare | DW | 03.06.2019
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Deutsch-amerikanische Beziehungen

Kommentar: USA und Deutschland - Eine Entfremdung, die zur Routine wird

US-Außenminister Mike Pompeo war in Berlin. Gerade die aufgeräumte diplomatische Höflichkeit macht deutlich, wie sehr sich Deutschland und Amerika entzweit haben, meint Jens Thurau.

Berlin US Außenminister Pompeo bei Maas (AFP/O. Andersen)

US-Außenminister Mike Pompeo (li.) zu Besuch in Berlin bei Bundesaußenminister Heiko Maas

Friedlich wehten die drei Fahnen im Wind nebeneinander vor dem Kanzleramt in Berlin an diesem Freitag: die us-amerikanische, die deutsche, die europäische. Man könnte meinen, es sei so wie in der Vergangenheit in der deutschen Hauptstadt, die doch irgendwie lange Jahrzehnte auch so etwas wie eine amerikanische Stadt war. Aber die Fahnen vermitteln den falschen Eindruck: Wenig bis nichts stimmt im offiziellen deutsch-amerikanischen Verhältnis.

Lange keine Zeit für Deutschland

40 Länder hat US-Außenminister Mike Pompeo besucht, seitdem er im Amt ist. Für Deutschland hatte er bislang keine Zeit. Vor einigen Wochen war ein Besuch geplant. Den sagte Pompeo aber ab, weil er kurzfristig in den Irak reiste. Ein Affront gegenüber dem früher so wichtigen Verbündeten Deutschland, der noch vor wenigen Jahren schlicht undenkbar gewesen wär.

Thurau Jens Kommentarbild App

Hauptstadtkorrespondent Jens Thurau

Sicher, der Ton jetzt war diplomatisch höflich. So weit ist es denn doch noch nicht gekommen, dass sich der US-Außenminister in Deutschland im Ton vergreift, wie es sein Präsident ständig tut. Fast wie eine wehmütige Erinnerung an bessere Zeiten wirkte es, als Bundesaußenminister Heiko Maas, Bundeskanzlerin Angela Merkel und Pompeo gemeinsame Werte beschworen oder Pompeo von seiner Zeit als US-Soldat in Deutschland erzählte. Aber dann kamen die Konflikte an die Reihe: Iran, Syrien, die Gaspipeline Nord Stream 2, der deutsche Verteidigungshaushalt, das Verhältnis zu China. Und man sucht vergebens nach einem Thema, bei dem es keinen Streit gibt. Schlimmer noch: Fast hat man den Eindruck, als sei die Entfremdung längst zur Routine geworden. Auffällig emsig wird auf beiden Seiten betont, dass man ständig in Kontakt stehe. Wer das so oft betonen muss, hat im Moment kaum etwa anderes zu bieten.

Was etwa die Kanzlerin wirklich über das offizielle Amerika denkt, machte sie in ihrer gefeierten Havard-Rede am Tag zuvor deutlich. Ein leidenschaftliches Plädoyer für den Multilateralismus war das, für den Klimaschutz, für den Sieg der Fakten über die Lüge. Kein einziges Mal wurde Donald Trump namentlich erwähnt. Und kam doch in jedem der Sätze der Kanzlerin vor.

Leben auf unterschiedlichen Planeten

Das transatlantische Verhältnis wird zurzeit getragen von unzähligen persönlichen Kontakten, vom Austausch der Wirtschaft und der Kultur. Die Regierungen leben aber auf unterschiedlichen Planeten.

Und die Stadt Berlin hat kaum wahrgenommen, dass der US-Außenminister zu Gast war. Früher waren solche Besuche ein Ereignis. Im Guten wie im Schlechten, es gab immer auch heftige Proteste. Aber egal war es nicht, wenn jemand aus Washington zu Gast war. Jetzt liegt bleierne Sprachlosigkeit über dem Regierungsviertel in Berlin. Es kann nur besser werden.

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