Kommentar: Umweltprämie? Diesel-Konjunkturprogramm! | Kommentare | DW | 18.10.2018
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Abgasskandal

Kommentar: Umweltprämie? Diesel-Konjunkturprogramm!

Die Angebote diverser Autohersteller, Besitzern alter Diesel gegen Prämie ein neues Auto zu verkaufen, sind nichts als die Fortsetzung des Diesel-Skandals mit anderen Mitteln, meint Andreas Rostek-Buetti.

Nach BMW und Daimler bietet nun auch Volkswagen eine Umtauschprämie für Dieselautos an. Man wolle alte Stinker nicht nur zurücknehmen, sondern auch direkt verschrotten. VW nennt sein Angebot denn auch gleich "Umweltprämie". Das muss man sich vorstellen: Für Autos, die vor Jahren als Saubermänner angepriesen worden waren ("clean diesel"), bekommt man jetzt eine "Umweltprämie", wenn sie endgültig aus dem Verkehr gezogen werden. 

Umweltprämie: Das ist das ganze Desaster des Dieselskandals in einem Wort. Oder anders: Der Umgang der Autobauer mit den Schäden, die sie selbst zu verantworten haben, ist in mehrfacher Hinsicht eine Zumutung - technisch, unter Umweltgesichtspunkten und schlicht im Hinblick auf Anstand. Das, was einmal hieß: ehrbares Kaufmannsgebahren.

Nicht nur ein VW-Problem

Auch wenn es wie eine lästige Wiederholung klingen mag, sei es noch einmal gesagt: Der Volkswagen-Konzern hat Millionen seiner Kunden und die Umweltbehörden in vielen Ländern, allen voran in den USA, Deutschland und Europa betrogen, weil die VW-Ingenieure und VW-Manager dafür gesorgt haben, dass die Motoren aus dem Hause VW zwar auf dem Prüfstand "clean" waren, aber sonst mehr Dreck und Gift aus dem Auspuff kam als deklariert (und gesetzlich erlaubt). 

Rostek Andreas Kommentarbild App

Andreas Rostek-Buetti, DW-Wirtschaftsredaktion

Der VW-Konzern mit all seinen wohlklingenden Marken - auch das sei noch einmal wiederholt - steht nicht allein da als Betrüger und Umweltsünder. Opel ist nur der jüngste deutsche Fall aus der Sünderdatei. Staatsanwälte ermitteln, Opel dementiert. Auch die Flaggschiffe des glorreichen deutschen Autobaus, Daimler und BMW, standen und stehen unter Manipulationsverdacht. BMW wird wohl mit einer Zehn-Millionen-Strafe davonkommen. Bei der VW-Tochter Audi, womöglich die Keimzelle des Dieselskandals, weil von dort die Software kam, ging neulich ein Bußgeldbescheid über 800 Millionen Euro ein.  

Und wer nicht verschrotten will?

Irgendwie muss man das Geld wieder reinholen. Deswegen sollen nun die Kunden schnellstmöglich neue Autos kaufen. Und die Konzerne versuchen mit ihren jüngsten Dieselverkaufsprospekten noch, ihre selbstgebastelten Konjunkturprogramme als gute Tat für die Umwelt zu verkaufen. Umweltprämie - so wird das Konjunkturprogramm der Branche blumig geschönt.

Warum eigentlich sollten halbwegs vernünftige AutofahrerInnen, die im Moment gerade KEIN neues Auto brauchen, ihren Diesel verschrotten, dessen Motor mit Abgasplakette 4 oder 5 womöglich noch weniger Schadstoffe auf die Mitmenschen lospustet als ein nigelnagelneues Modell mit der Plakette 6? Es gibt keinen nachvollziehbaren Grund. 

Es sei denn, er oder sie möchte die Motorisierung Ost-Europas vorantreiben. Oder die Umweltbelastung in Afrika. Es sei denn, er oder sie findet, die gebeutelten deutschen Autokonzerne hätten ein wenig Unterstützung nötig. Es sei denn, er oder sie arbeitet für eine Werbeagentur, deren Strategen sich da so einen Trick ausgedacht haben, um eine große Kampagne für den Kauf neuer Autos als Umweltschutz zu hochzujazzen.

Oder ganz verzichten? 

Aus diesem Gesichtswinkel könnte man selbst die Deutsche Umwelthilfe, die immer wieder das Gebaren der Autobranche geißelt und vor Verwaltungsgerichten ein Fahrverbot nach dem anderen erstreitet, als Verkaufshelfer der Konzerne missverstehen - so verquer und dreist ist die aktuelle Verkaufsstrategie von VW, Daimler, BMW, Opel und Co.

Was also sollten Fahrerinnen und Fahrer (zu denen auch der Autor gehört) mit dem eigenen Diesel tun? Nichts. Weiterfahren. Und wenn sie finden, es sei an der Zeit, etwas für die Luft um uns herum zu tun, dann sollten sie versuchen - auch wenn's technisch möglicherweise nicht recht klappt - das Auto umzurüsten mit einer Einrichtung, die die Schadstoffe auf das deklarierte Maß herunterholt. Auf Kosten der Hersteller - was denn sonst. Die haben betrogen, nicht der Käufer, nicht die Käuferin.

Oder aber: Maßnahmen der Kommunen zur Luftreinhaltung - also Fahrverbote für bestimmte Zonen, Investitionen in den städtischen Nahverkehr und ähnlich praktische Anwandlungen - akzeptieren, unterstützen und mit umsetzen.

Oder aber, wenn es mit dem Umweltschutz wirklich ernst gemeint ist: den Diesel stehen lassen. Und keinen neuen kaufen.

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