Kommentar: Uli Hoeneß, das Glückskind mit dem falschen Ende | Sport | DW | 15.11.2019
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Hoeneß-Rücktritt

Kommentar: Uli Hoeneß, das Glückskind mit dem falschen Ende

Uli Hoeneß hat den FC Bayern und den deutschen Fußball geprägt wie kein Zweiter. Und doch kommt sein Verzicht auf eine Wiederwahl als Vereinspräsident zu spät, kommentiert DW-Redakteur Tobias Oelmaier.

Klassensprecher, Schulsprecher, mit 18 Jahren zum großen FC Bayern, Deutsche Meistertitel, Europameister mit 20, Weltmeister mit 22. Liebling der Medien, Idol der Fans, dazu ein perfektes Familienleben zusammen mit Ehefrau Susi und den beiden Kindern. So schnell, wie er die 100 Meter lief, nämlich in 11,0 Sekunden, so schnell war sein Aufstieg. Uli Hoeneß war erst Glückskind, dann Selfmademan. Selbst als ihn eine schwere Knieverletzung zum Karriereende zwang, warf ihn das nicht aus der Bahn. Hoeneß machte das Beste daraus, wurde mal eben mit 27 Jahren Manager beim damals finanziell angeschlagenen FC Bayern. Den Blick immer nach vorne gerichtet.

Schnell ging es aufwärts mit dem Verein - sportlich und vor allem wirtschaftlich. Nicht mal ein Flugzeugabsturz 1982, den Hoeneß als einziger an Bord überlebte, konnte ihn aufhalten. Das Unglück schien ihn sogar noch zu beflügeln. Mit vollem Einsatz machte er den FC Bayern zu einem der erfolgreichsten und reichsten Fußballvereine der Welt. 

Abteilung Attacke

Wie heute US-Präsident Donald Trump mit seinem "America first", lebt Hoeneß nach der Maxime "Alles für den FC Bayern", bis jetzt. Wer sich ihm oder seinem Verein in den Weg stellte, wer Kritik äußerte oder zur sportlichen Bedrohung wurde, den hat er einfach weggeräumt. Mit Worten, mit Taten oder auch mit Geld. Rüttelte ein Konkurrent an der Vormachtstellung, dann kaufte man einfach dessen beste Spieler. Fragte ein Journalist beharrlich nach, wurde er abgekanzelt oder eingeschüchtert. Hoeneß stellte sich als "Abteilung Attacke" vor sein Team - und lenkte damit insbesondere in Krisenzeiten geschickt die Aufmerksamkeit auf sich. Das Ziel war immer klar: seinen Verein noch größer, noch strahlender, noch erfolgreicher zu machen. Dafür waren viele Mittel recht. 

Hoeneß polarisierte, damals wie heute. Sein Erfolg rief Neider auf den Plan. Seine Vorgehensweise auch Hasser. Und doch - im Vieraugengespräch, im Nachgang, haben die meisten seiner Konkurrenten nur Lob für Uli Hoeneß als Manager übrig. Als Geschäftsmann habe er sich immer korrekt verhalten, heißt es da. Da schwingt auch Dank mit. Denn ohne ihn wäre die Bundesliga vermutlich noch heute im Dornröschenschlaf. Fernsehverträge, Stadion-Neubauten, Vermarktung, Sponsoring - Hoeneß ging neue Wege, dachte immer groß und hatte mit seinen Visionen und Entscheidungen meistens recht. Auch später, als Präsident, blieb er der starke Mann im Verein und stand für die Weltmarke FC Bayern.

Karrierebruch durch die Steueraffäre

Wäre da nicht dieses Steuerdelikt gewesen. Aus Devisentermingeschäften, so wurde Anfang 2013 bekannt, hatte Hoeneß bei waghalsigen Finanzgeschäften einen zweistelligen Millionenbetrag hinterzogen und wurde deshalb zu einer Gefängnisstrafe von dreieinhalb Jahren verurteilt. Das Glück verließ den, der es bis dahin gepachtet hatte. Die Hälfte der Strafe musste er im Gefängnis verbringen, der Rest wurde zur Bewährung ausgesetzt. Einen Fehler gestand er ein, richtig geläutert wirkte er aber dadurch nicht. Hoeneß hatte im Lauf der Jahre offenbar die Bodenhaftung verloren. Der Erfolg, die Huldigungen und Anerkennungen - das alles hatte ihm offenbar die Fähigkeit zur Selbstkritik geraubt. Und möglicherweise auch die Fähigkeit, Kritik von anderen anzunehmen. 

"Das war's noch nicht", rief Hoeneß bei seinem Rücktritt als Präsident auf der Hauptversammlung des FC Bayern im Mai 2014. Überwältigt von den Beifallsbekundungen der Bayern-Mitglieder vor dem Antritt seiner Haftstrafe hatte er den Plan gefasst, so bald wie möglich zu seinem Verein zurückzukommen. Und tatsächlich dauerte es gerade mal ein Dreivierteljahr, dass aus dem Häftling wieder ein Präsident wurde - gewählt von 98,5 Prozent der anwesenden Mitglieder. Die Fans standen weiter zu ihm, dem Symbol des Aufstiegs ihres Klubs.

Oelmaier Tobias Kommentarbild App

DW-Redakteur Tobias Oelmaier: "Hoeneß hätte früher aufhören müssen"

Im Nachhinein aber sollte sich zeigen, dass das der zweite - nach der Steuerhinterziehung - große Fehler im Leben den Uli Hoeneß war. Karl-Heinz Rummenigge als Vorstandsvorsitzender war es inzwischen gewohnt, die Entscheidungen zu treffen. Von der einstigen Harmonie der beiden war nicht mehr viel zu erkennen. Der Umbruch im Verein stockte. An das große Triple-Jahr 2013 konnte man nicht mehr anknüpfen, auch wenn der FCB die Bundesliga dominiert. Fußballerische Eigengewächse: Fehlanzeige. Personalentscheidungen: miserabel. Auf den gefeierten und doch umstrittenen Trainer Pep Guardiola folgten die eher unglücklichen Carlo Ancelotti und Niko Kovac, und dazwischen der alternde Hoeneß-Freund Jupp Heynckes, der mal wieder die Kastanien aus dem Feuer holen musste. Und Hasan Salihamidzics Qualitäten als Sportdirektor lassen sich wahrscheinlich nur hinter der geschlossenen Bürotür bewerten. Außerhalb fällt er in den gut zwei Jahren seiner Amtszeit nur durch hohle Phrasen auf.

Peinliche Auftritte

Stattdessen wagt sich Hoeneß immer wieder ins Rampenlicht. Doch dann liegt er meistens treffsicher daneben. Mal drischt er auf die Medien ein, weil die es wagen, die Vereinsführung zu kritisieren, macht sich geradezu lächerlich auf einer Pressekonferenz, auf der er die Achtung der Menschenwürde fordert und wenige Sätze später selbst auf ihr herumtrampelt. Er schimpft über ein Vereinsmitglied, das es wagt, ihn öffentlich anzugehen. Oder er versucht, den Bundestrainer mit einer Boykottandrohung unter Druck zu setzten, weil der es seiner Meinung nach versäumt hat, Torwart Manual Neuer die nötige Rückendeckung zu geben. Aktionen, die selbst vielen, die es seit Jahrzehnten mit dem Verein halten, die Schamesröte ins Gesicht treiben.

Bei allen Verdiensten um den FC Bayern und den deutschen Fußball - die Zeiten haben sich geändert, Hoeneß nicht. Heute noch kokettiert er damit, nicht ins Internet zu gehen und noch nie eine E-Mail geschrieben zu haben. Aus dem Visionär von einst ist einer geworden, der meint, mit den bewährten Mitteln weiterzukommen, ein Patriarch der alten Schule. Uli Hoeneß hätte sich nach seinem Gefängnisaufenthalt besser aus der Öffentlichkeit zurückziehen sollen. Sein Ego ließ das nicht zu. Vielleicht hat er es jetzt, während seiner neuerlichen Amtszeit als Präsident selbst gemerkt und deshalb nicht mehr kandidiert. Aber welches Glückskind schafft ihn schon - den Rücktritt zur rechten Zeit?

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