Kommentar: Streik bei Ryanair - endlich! | Kommentare | DW | 26.07.2018
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Schlechte Arbeitsbedingungen

Kommentar: Streik bei Ryanair - endlich!

Das Kabinenpersonal der irischen Airline Ryanair ist in den Streik getreten. Zwei Tage lang kommen die Flugbegleiter nicht zur Arbeit. Gut so, findet Jörg Brunsmann, denn die Ausbeutung hat System.

Erinnert sich noch jemand an den Hollywood-Film "Catch me if you can"? Darin spielt Leonardo DiCaprio einen Hochstapler, der es alleine durch seine Dreistigkeit schafft, sich als Pilot auszugeben. Der Film zeigt, wie bewundert die Berufe Pilot und Stewardess in den 1960er Jahren waren: Gut bezahlte, bestens ausgebildete Weltenbummler, zu denen man aufblickte. Und was davon ist heute noch übrig geblieben? Zumindest bei Ryanair nicht mehr viel. Wer weiß, was Piloten und Stewardessen hinter vorgehaltener Hand erzählen oder in einschlägigen Internetforen berichten, der bekommt ein ganz anderes Bild.

Ryanair – Vorreiter in Sachen Ausbeutung

Das Schlimme daran: Ryanair als einer der Pioniere der Billigfluglinien hat die Vorlage geliefert für Dutzende anderer Airlines. Für Arbeitsbedingungen, wie sie teilweise schon Branchenstandard zu sein scheinen: Piloten, die mit Knebelverträgen an die Fluggesellschaft gebunden werden, die ihre Ausbildung selbst bezahlen müssen und mit einem Haufen Schulden ins Berufsleben starten. Oder Stewardessen, die nur die reine Zeit in der Luft bezahlt bekommen, die bei den üblichen Verspätungen nichts verdienen und von der Airline nicht einmal ein Essen bezahlt bekommen. Bei Ryanair aber sollen die Bedingungen besonders schlecht sein: Hier verdient man als Flugbegleiter gerade einmal 1.000 Euro netto im Monat, sagen Zahlen der Flugbegleitergewerkschaft UFO. Das Unternehmen arbeitet mit Scheinselbständigen, Fristverträglern und Leiharbeitern. Betriebsräte? Fehlanzeige. Alles ist auf Kostenoptimierung getrimmt - und es herrscht offenbar eine Atmosphäre wie einst nur auf römischen Galeerenschiffen: Wer nicht mitrudert oder gar aufmuckt, bekommt die Peitsche zu spüren.

DW Hintergrund Deutschland Jörg Brunsmann (DW/Christel Becker-Rau)

DW-Autor Jörg Brunsmann

Die Ausbeutung in der Luft hat System. Und das sollte einen auch nicht wundern. Denn irgendwo müssen die billigen Preise herkommen. An der Sicherheit können die Airlines nicht sparen; Spricht sich das herum, will keiner mehr mit ihnen fliegen. Und den eigenen Profit will man natürlich auch nicht gefährden – Ryanair hat 2016 immerhin gut 1,2 Milliarden Euro Gewinn gemacht. Also wird es auf dem Rücken der Beschäftigten ausgetragen. Und viele von ihnen haben bis jetzt mitgemacht. Vielleicht aus Mangel an Alternativen, vielleicht aber auch, weil sie im Hinterkopf noch immer das Bild vom privilegierten Job haben. Und aus dem eigenen Umfeld zu hören bekommen: "Was willst du denn, du siehst die ganze Welt und bekommst auch noch Geld dafür…"

Ein längst überfälliger Streik

Dass die Beschäftigten von Ryanair sich jetzt wehren, ist nicht nur richtig – es wird auch höchste Zeit. Denn Ryanair-Chef Michael O'Leary hat die Ausbeutung zum System gemacht. Und er hat Erfolg damit – was andere Firmen wiederum auf die Idee bringt, es genauso zu machen. Darunter auch Unternehmen, die mit der Luftfahrtbranche überhaupt nichts zu tun haben.

Wer jetzt am Flughafen steht und auf den Ryanair-Flieger wartet, der nicht kommt, ärgert sich. Verständlicherweise. Im Hinterkopf sollte man aber auch haben, dass dieser Streik mehr als überfällig ist. Denn wenn Unternehmen ihre Beschäftigten systematisch ausbeuten, sollte das kein Geschäftsmodell mit Zukunft sein. Und zwar nirgends.

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