Kommentar: Steuergeld für eine Brückentechnologie? | Kommentare | DW | 13.11.2018
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Batteriezellen-Fertigung

Kommentar: Steuergeld für eine Brückentechnologie?

Mit einer Milliarde Euro will der Bundeswirtschaftsminister den Aufbau einer Batteriezellenfabrik in Deutschland fördern. Das zeigt: Diese Regierung hat aus Fehlern nichts gelernt, meint Henrik Böhme.

Da hat irgendwer etwas verpasst. Europa will eine eigene Batteriezellen-Fertigung aufbauen. Deutschland, als automobiler Top-Standort, gibt gleich mal eben so eine Milliarde Euro an Steuergeldern, um eine solche Fabrik bald auch im eigenen Land zu haben. Batteriezellen, das sind die Herzstücke jener Akkus, die bald möglichst viele Autos antreiben sollen. Solche Batterien werden hierzulande schon länger zusammengebaut. Nur eben die Zellen, die kommen bisher vorwiegend aus Asien.

Nun soll also auch Europa ein Standort für solch eine Zellen-Produktion werden - ein führender natürlich, was denn sonst? Man will hinein in den ruinösen Preiskampf, den sich die anderen fünf (asiatischen) Wettbewerber schon jetzt liefern. Das Problem bei der Batteriezellen-Produktion ist nämlich, dass drei Viertel der Wertschöpfung durch Materialkosten entstehen. Da bleibt am Ende wenig übrig, um sich einen Wettbewerbsvorteil zu erarbeiten. Zumal jetzt schon neun von zehn Batteriezellen von den erwähnten Konkurrenten aus Asien stammen.

Achtung Eisberg - wir kommen!

Aber das alles ficht die Politik nicht an. Wir machen das jetzt selbst! So die Botschaft von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier und  EU-Energiekommissar Maros Sefcovic. Motto der Unternehmung: Da vorne steht ein Eisberg - aber wir halten unseren Kurs! Das alles lässt sich nur vergleichen mit der europäischen Euphorie bei der Solarzellen-Produktion. Millionen und Abermillionen an Fördergeldern wurden (vor allem auch in Deutschland) ausgegeben - am Ende machten die Chinesen mit ihrer hochsubventionierten Solarindustrie das Rennen. Auch Strafzölle auf Solarpanele "Made in China" konnten Europas Solarindustrie vor dem Ruin nicht retten.

Boehme Henrik Kommentarbild App

Henrik Böhme, DW-Wirtschaftsredaktion

Die deutschen Autokonzerne dürften ebenfalls wenig begeistert sein von den Plänen und halten sich bislang mit Aussagen zurück, sich an dem geplanten Konsortium zu beteiligen. Volkswagen, Europas Nummer Eins, hat zum Beispiel eigene Pläne und will lieber mit den Koreanern von SK Innovation (einer der fünf erwähnten Anbietern) zusammenarbeiten. BMW forscht schon seit einiger Zeit selbst an der Technologie für eine neue Batteriezellen-Generation, der sogenannten Festkörper-Batterie. Davon versprechen sich die Forscher in der Tat einiges, denn die Technologie hätte einige handfeste Vorteile: In der Herstellung kommt man mit deutlich weniger giftigen Stoffen aus, die Produktion ist weniger energieintensiv, die Ladezeiten sind deutlich kürzer. 

Aber bis es soweit ist, dürften noch einige Jahre ins Land gehen. Nicht umsonst hat sich Bosch, der größte Auto-Zulieferer der Welt, vor einem halben Jahr von dem Projekt Batteriezellen-Fertigung verabschiedet. Begründung: Das finanzielle Risiko ist zu groß. Um am Weltmarkt mithalten zu können, wären Investitionen von wenigstens 20 Milliarden Euro nötig. Nicht machbar.

In die Zukunft investieren!

Wenn ein so traditionsreiches Unternehmen nach definitiv reiflicher Überlegung eine solche Entscheidung trifft, muss die Frage erlaubt sein: Warum treibt dann die Politik solch ein Projekt voran? Weil sie den Markt besser versteht? Weil es im schlimmsten Fall nur Steuergelder sind, die verbrannt werden? Auch bleibt die Frage unbeantwortet, wie die extrem energieintensive Batteriezellen-Produktion in einem Land wie Deutschland gewinnbringend gelingen soll, wo man doch durch den Wahnsinn der Energiewende mit die höchsten Strompreise in Europa hat? Aber sicher ist der Steuerzahler bereit, neben der Ökostrom-Abgabe noch eine Batterie-Steuer zu bezahlen - das wäre doch gelacht!

Nun könnte man einräumen: Der chinesische Hersteller CATL will ja auch in Erfurt eine Gigafactory bauen, in der ab 2022 Batteriezellen hergestellt werden sollen. Am Standort Deutschland also. BMW wird der Erstkunde, auch Daimler soll interessiert sein. Auch in Schweden soll eine mindestens doppelt so große Gigafactory entstehen. An dem von zwei Ex-Tesla-Topmanagern gegründeten Unternehmen namens Northvolt beteiligt sich übrigens der deutsche Siemens-Konzern. Ja, all das stimmt. Aber die Chinesen schwimmen dank staatlicher Subventionen und nach ihrem Börsengang im Sommer geradezu im Geld - und in Schweden kostet der Strom nur ein Zehntel des deutschen Preises.

Vielleicht wäre es ein besserer Plan gewesen, die anderen machen zu lassen, weil sie ohnehin schon ziemlich weit vorn sind. Und für eine wirkliche Zukunftsorientierung gar nicht mehr auf jene Brückentechnologie zu setzen, die womöglich schon in zehn Jahren längst nicht mehr State oft the Art ist. Sondern stattdessen wirklich massiv in die Festkörper-Technologie einzusteigen - und Europa hier zum Platzhirsch zu machen. Das wäre mal eine Ansage gewesen. So bleibt mal wieder: Stückwerk.  

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