Kommentar: Senioren-Wahlkampf in den USA | Kommentare | DW | 05.11.2019
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US-Demokraten

Kommentar: Senioren-Wahlkampf in den USA

Die drei aussichtsreichsten Präsidentschaftsbewerber der Demokraten sind allesamt über 70 Jahre alt. Und das sollen die Hoffnungsträger sein, die in der US-Politik für frischen Wind sorgen?, fragt sich Carla Bleiker.

USA TV-Debatte der demokratischen Präsidentschaftsbewerber (Getty Images/AFP/R. Beck)

Zusammen mehr als 200 Jahre alt: Bernie Sanders, Joe Biden und Elizabeth Warren (v.l.n.r.)

76, 70, 78. So alt sind Joe Biden, Elizabeth Warren und Bernie Sanders, die drei Demokraten, die die größten Chancen haben, Präsidentschaftskandidat ihrer Partei zu werden. Biden feiert am 20. November seinen 77. Geburtstag. Sicher, es gibt auch jüngere Bewerber - das Feld der Demokraten ist ja groß genug. Da ist beispielsweise Pete Buttigieg, Bürgermeister von South Bend, Indiana, der jugendliche 37 Jahre jung ist. Oder die kalifornische Senatorin Kamala Harris, die mit 55 zwar als mittleren Alters gelten dürfte, aber immer noch 15 Jahre jünger ist als Warren.

Aber Fakt ist: Die drei Politiker, die in den Wählerumfragen vorn liegen, wenn es darum geht, wer Donald Trump aus dem Weißen Haus drängen könnte, haben das Rentenalter alle weit überschritten. Kann einer dieser Senioren genug Begeisterung auslösen, genug Wähler an die Urnen bringen, um den Demokraten bei der Präsidentschaftswahl 2020 zum Sieg zu verhelfen?

Autorenbild l Kommentatorenbild DW Carla Bleiker PROVISORISCH (privat)

DW-USA-Korrespondentin Carla Bleiker

Die Frage ist von entscheidender Bedeutung für die Demokratische Partei. Bei den Midterm-Wahlen im vergangenen Jahr verdoppelte sich die Wahlbeteiligung bei Menschen zwischen 18 und 29 Jahren auf 36 Prozent. Mehr als zwei Drittel dieser jungen Wähler stimmten für Demokratische Kongress-Kandidaten.

Den Schwung der Midterms wollen die Demokraten in die Präsidentschaftswahlen retten. Es ist aber zu bezweifeln, ob ein alter, weißer Kandidat (oder eine alte, weiße Kandidatin) sich überzeugend genug als Gegenprogramm zu Donald Trump präsentieren kann, um demokratische Wähler in Mengen hinter dem Ofen hervorzulocken.

Jugend allein reicht nicht - kann aber hilfreich sein

Sicherlich ist Alter nicht der einzige Faktor, der bei der Wahlentscheidung eine Rolle spielt. Aber das Gefühl eines Neuanfangs, der frische Wind, den ein junger Kandidat in den Wahlkampf bringt, kann an der Wahlurne einen wichtigen Unterschied machen. Zuletzt war das bei Barack Obama der Fall. Bei seiner ersten Wahl 2008 löste der damals erst 47-Jährige eine Welle der Begeisterung aus. 66 Prozent der Wähler unter 30 stimmten für Obama.

Hillary Clinton schaffte es 2016 nicht, diesen Enthusiasmus zu inspirieren. Zu viele sahen sie, die ehemalige First Lady und langjährige Senatorin, als Teil des politischen Establishments an. Und nicht als jemanden, der Washington wirklich aufrütteln könnte. Das neue Ü-70-Trio der demokratischen Kandidaten könnte das gleiche Schicksal ereilen.

Eine Frage der Gesundheit

Von mangelnder Wähler-Begeisterung einmal abgesehen - auch der Gesundheitszustand der alten Präsidentschaftskandidaten spielt eine Rolle. Ist man mit über 70 noch fit genug für einen der stressigsten Jobs der Welt? Selbst Elizabeth Warren, die jüngste der drei demokratischen Oldies, wäre am Ende ihrer möglichen ersten Amtszeit 75 Jahre alt. Von einer Wiederwahl ganz zu schweigen. Klar, man ist nur so alt, wie man sich fühlt. Aber für Menschen, die auf die 80 zugehen, sind körperliche und geistige Erkrankungen keine Seltenheit mehr.

In den TV-Debatten der Demokraten dieses Jahr machte Joe Biden einige Male einen leicht tüddeligen Eindruck: Er verhaspelte sich und beendete Sätze so sinnfrei, dass es wirkte, als habe er vergessen, wie er sie angefangen hatte. Bernie Sanders erlitt im Oktober einen Herzinfarkt. Elizabeth Warren, die bei Wahlkampfveranstaltungen gern auf die Bühne gejoggt kommt, scheint betonen zu wollen, dass sie noch fit und schwungvoll ist.

Der ehemalige demokratische Präsident Jimmy Carter hat sich für eine Altersbegrenzung für Präsidentschaftskandidaten ausgesprochen. "Mit 80 hätte ich die Pflichten, die ich als Präsident hatte, nicht mehr erfüllen können", sagte Carter im September. Sollten sie gewählt werden, würden sowohl Biden als auch Sanders die 80 während ihrer Zeit im Weißen Haus überschreiten. Carter war bei seiner Amtseinführung 1977 52 Jahre alt.

Auch 52 ist nicht gerade jugendlich, aber immerhin erheblich jünger als die drei Top-Kandidaten der Demokraten, und als der aktuelle Präsident Donald Trump mit seinen 73 Jahren. Es ist deprimierend zu sehen, dass es seit Hillary Clintons Schlappe kein jüngerer Kandidat geschafft hat, die breite Unterstützung der demokratischen Partei und ihrer Wähler zu gewinnen. Aktuell sieht es so aus, als würde bei der Wahl im November 2020 Senior gegen Senior antreten.

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