Kommentar: Vom Privileg weiß zu sein und der Notwendigkeit etwas zu verändern | Kommentare | DW | 14.06.2020
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Rassismus

Kommentar: Vom Privileg weiß zu sein und der Notwendigkeit etwas zu verändern

Nicht die Schwarzen allein sind es, die gegen Rassismus ankämpfen müssen. Die Weißen haben ebenfalls Verantwortung. Nicht nur in den USA, wo der Rassismus systemisch ist, sondern auch in Europa​​​​, meint Samantha Baker.

USA Los Angeles | Demonstration gegen Rassismus (Getty Images/AFP/F. J. Brown)

Weiße sollten ihr Schweigen zum Thema Rassismus brechen, meint dieser Demonstrant in Los Angeles

Jeden Tag auf dem Heimweg komme ich an kleinen Stolpersteinen aus Messing vorbei, die die Namen von Juden tragen, die hier von den Nazis aus ihren Häusern geholt wurden. Wenn ich hier vorbeigehe, kommt mir Komplizenschaft in den Sinn: Ich wundere mich über die Menschen, die zugelassen haben, dass ihre Nachbarn ihrer Würde beraubt und ums Leben gebracht wurde. Was haben sie gedacht, als sie Zeuge dieses Geschehens wurden? Wie haben sie ihr Nichtstun gerechtfertigt?

Der gleiche Gedanke geht mir angesichts der aktuellen Ereignisse dieser Tage durch den Kopf: Bin ich, eine weiße Amerikanerin, mitschuldig, wenn schwarze Amerikaner von Rassisten getötet werden? Warum schweigen wir Weißen, wenn Menschen, die einfach ein besseres Leben für sich und ihre Familien wollen, an den Grenzen unserer Länder in Käfige oder Lager gesteckt werden? Unsere Länder, deren Wohlstand vielfach dadurch entstanden ist, dass Menschen und natürliche Ressourcen an Orten ausgebeutet wurden, die heute von Armut und Gewalt beherrscht werden.

Ein Wendepunkt für die USA?

Viele fragen jetzt, ob der Tod von George Floyd ein Wendepunkt für die USA ist. Ob sich wirklich etwas ändern wird. Aber diese Fragen sind zu passiv. Wir müssen uns vielmehr fragen, wie wir dazu beitragen können, dass dies ein Wendepunkt wird!

Viele von uns sind unsicher, wie wir das anfangen sollen. Können wir überhaupt etwas Sinnvolleres tun, als in den Sozialen Medien zu posten? Wie vermeiden wir banales Mitläufertum? Ich habe mich gefragt, ob ich mich an dieser Debatte überhaupt beteiligen soll.

Ich habe einen Block entfernt von der Stelle gearbeitet, an welcher George Floyds Hals vom Knie des Polizeibeamten Derek Chauvin fast neun Minuten lang zu Boden gedrückt wurde. Ich bin schockiert, dass er an einem Ort getötet wurde, der in meinem Herzen einen so wichtigen Platz einnimmt. Andererseits sollte mich genau das eigentlich überhaupt nicht berühren.

Es war ein Nachmittagsprogramm für einkommensschwache Jugendliche aus der Nachbarschaft, bei dem ich mitgeholfen habe. Man kümmert sich dort um die Kinder und unterstützt sich gegenseitig. Es ist ein multiethnisches Viertel, in dem Schwarze, Latinos und Weiße Seite an Seite leben.

Erstmals die Blase der weißen Privilegien geplatzt

In vielerlei Hinsicht hat dieser Job zum ersten Mal meine Blase der weißen Privilegien zum Platzen gebracht. Als weißes Mädchen aus einer Kleinstadt, das auf ein überwiegend weißes, privates College ging, hatte ich hier im Alter von 22 Jahren erstmals mit schwarzen und braunen Gemeinschaften zu tun.

Es war das erste Mal, dass ich die massiven Unterschiede begriff zwischen den halbwegs gut finanzierten öffentlichen Schulen, die ich besucht hatte, und den überfüllten Klassen dieser Schüler. Es war das erste Mal, dass ich Familien kennenlernte, die mit Obdachlosigkeit zu kämpfen hatten; Kinder, die nach Hause in leere Häuser kamen, weil ihre Eltern mehrere Jobs hatten, um über die Runden zu kommen. Es war das erste Mal, dass ich erlebte, wie ein sechsjähriges Kind sich schnell versteckte, als ein Polizeiauto vorbeifuhr. Was kann deutlicher das mangelnde Vertrauen zwischen Minderheiten und der Polizei demonstrieren?

Die Mitarbeit in dieser Schülerbetreuung hat mich gelehrt, was Ungleichheit und Rassismus in den Vereinigten Staaten bedeuten und inwieweit mein Privileg, eine Weiße zu sein, Teil dieses Problems ist.

Gegründet auf Ungleichheit

Der Komfort und Wohlstand der Weißen in den USA wurde auf dem Rücken der versklavten Afrikaner aufgebaut, sie beruhen auf der Vertreibung und dem Tod der amerikanischen Ureinwohner und der Ausbeutung von Ländern und Menschen auf der ganzen Welt.Die Geschichte vieler europäischer Länder ist ähnlich problematisch.

In US-Schulen und in vielen anderen Ländern wird Rassismus als Teil der Geschichte gelehrt. Doch Tatsache ist, dass er zwar tief in unserer Vergangenheit verwurzelt ist, aber zugleich immer noch Teil unserer Gegenwart ist.

Der Rassismus in den USA ist systemisch. Er ist in die gesellschaftlichen Strukturen eingebrannt, die unser Leben bestimmen. Aber Strukturen werden von Menschen geschaffen, und Menschen haben die Macht, sie zu verändern.

Damit müssen wir beginnen - mit dem, was wir in unserem täglichen Leben tun oder eben nicht tun. Wie verhalten wir uns gegenüber Menschen, die anders aussehen, eine andere Sprache sprechen oder eine andere Religion haben als wir? Wie können wir aktiv daran arbeiten, Systeme und Überzeugungen zu schleifen, die rassistisch sind?

Als Journalistin eine Komplizin des Unrechts?

Als Journalistin mache ich mich gewöhnlich mit keiner Sache gemein. Stattdessen berichte ich über die Fakten, damit sich die Nachrichtenkonsumenten ihre eigene Meinung bilden können.

Kommentarbild Samantha Baker (DW/Philipp Böll)

DW-Redakteurin Samantha Baker

Doch was heißt hier "gemein machen"? Nicht bei den Unterdrückten zu stehen bedeutet, dass man sich auf die Seite der Unterdrücker stellt - also Komplize ist. Ich bin gewiss kein perfekter Vorkämpfer, ganz im Gegenteil. Ich bin wahrscheinlich nicht einmal ein guter Verbündeter - aber ich versuche, ein besserer zu werden. Und genau das ist es, was wir Weißen jetzt tun müssen.

So kann das aussehen: sich zunächst einmal in der aktuellen Situation unwohl fühlen, sich emotional berühren lassen. Dann zuhören, so viel wie möglich. Die Stimme für die anderen erheben, wann immer es möglich ist. Gespräche mit Familie und Freunden führen, die informiert und motiviert werden müssen. Diejenigen unterstützen, die protestieren oder jene politische Arbeit leisten, die für einen echten, systemischen Wandel erforderlich ist.

Auf diesem Weg werde ich sicher einiges falsch machen, aber ich freue mich darauf, aus diesen Fehlern zu lernen.

Unsere Nation kann sich verändern!

Die Vereinigten Staaten waren nie ein perfektes Land - sie hatten immer ihre Dämonen, während sie gleichzeitig für ihre Ideale standen. Obwohl ich derzeit im Ausland lebe und weiß, dass viele Expats sich gegenwärtig von den USA mit ihren vielen und gravierenden Mängeln distanzieren, bin ich der Überzeugung, dass man stolz darauf sein kann, Amerikaner zu sein - selbst in unseren dunkelsten Momenten.

Ich finde Hoffnung in unserem unendlichen Drang, uns selbst zu verbessern, uns gegenseitig herauszufordern, unsere Gesellschaft zu verbessern und uns zu verändern.

Hinter der Frustration, dem Schmerz und der Empörung auf den Straßen von Minneapolis und vielen anderen Städten in den USA verbirgt sich der Glaube, dass sich unsere Nation verändern kann. Tatsächlich müssen wir uns ändern, wenn wir überleben wollen, wenn wir eines Tages - wie US-Schulkinder jeden Morgen rezitieren - eine Nation werden wollen, die "unteilbar ist, mit Freiheit und Gerechtigkeit für jeden".

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