Kommentar: Putins Sotschi-Effekt | Fokus Osteuropa | DW | 06.02.2014
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Fokus Osteuropa

Kommentar: Putins Sotschi-Effekt

Der russische Präsident Putin wollte mit den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi international auftrumpfen. Doch er hat das Gegenteil bewirkt, meint Ingo Mannteufel.

Ingo Mannteufel, Leiter der Russischen Redaktion (Foto: DW)

Ingo Mannteufel, Leiter der Russischen Redaktion der DW

Kurz vor Beginn der Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi ergeht es dem russischen Präsidenten Wladimir Putin wie Barbra Streisand vor einigen Jahren: Die US-amerikanische Sängerin und Schauspielerin hatte 2003 gegen einen Fotografen geklagt, der Luftaufnahmen ihres Hauses in Kalifornien veröffentlichen wollte. Doch genau aufgrund dieser Klage geriet das Foto von ihrem Haus erst in den Fokus der Medien. PR-Berater und Journalisten sprechen seitdem vom "Streisand-Effekt“: Durch den Versuch, unliebsame Informationen zu unterdrücken oder entfernen zu lassen, wird das Gegenteil erreicht und die Informationen erhalten eine größere öffentliche Aufmerksamkeit. Ein ähnliches Phänomen hat nun Präsident Putin geschaffen: den Sotschi-Effekt.

Putins Spiele

Denn als sich der russische Präsident vor fast zehn Jahren mit voller Kraft für die Vergabe der Olympischen Winterspiele 2014 nach Sotschi einsetzte, hatte er ein klares Ziel vor Augen: Die Welt sollte sehen, dass das neue Russland unter seiner Führung rund 20 Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion modern und fortschrittlich sei. Schon bei den Planungen war klar, dass es sich um ein milliardenteures Mega-Projekt für Infrastruktur und Sportstätten handeln würde. Doch Putin schreckte dies nicht: Die Winterspiele in Sotschi sollten im In- und Ausland das neue Bild eines starken und selbstbewussten Russlands verbreiten. Es sollte ein Triumph für sein Land werden.

Doch statt Lobeshymnen auf das neue Russland hagelt es heftige Kritik. Je näher die Olympischen Spiele in Sotschi rückten, umso mehr mediale Aufmerksamkeit erhielten die dunklen Seiten des neuen Russland. Mittlerweile dürften weltweit Millionen von Zeitungsartikeln, Radiobeiträgen, Online-Kommentaren oder TV-Reportagen veröffentlicht worden sein, die am Beispiel der Vorbereitungen in Sotschi die Probleme des heutigen Russland beleuchten: die Korruption, die Selbstherrlichkeit der Staatsbeamten, die Willkür der Staatsorgane, die kritische Menschenrechtslage, die Umweltzerstörungen, die Zensur der Medien, die homophoben Gesetze, die ungerechte Behandlung von Arbeitsmigranten, ethnische Konflikte im Nordkaukasus, die unfertigen Anlagen und vieles mehr. Sicher, auch vorher gab es solche Berichte. Doch die Winterspiele in Sotschi haben ihre Zahl potenziert und vor allem auch einem eher politisch weniger interessierten Publikum vor Augen geführt, wie es um das heutige Russland steht. Und dieser problematische Eindruck wird international haften bleiben - ganz gleich, wie die Spiele verlaufen und welche Olympiasieger gekürt werden.

Mega-Projekte sind immer heikel

Zweifelsfrei sind solche großen Infrastruktur-Projekte immer risikobehaftet. Den Deutschen fällt da ganz schnell der Bau des neuen Internationalen Flughafens in Berlin ein. Und so manche Kritik ist auch ungerecht gegenüber vielen Russen, die nun peinlich berührt mit ansehen müssen, wie ihr Land international sogar Spott und Häme erfährt. Denn bei aller berechtigten Kritik am Olympia-Projekt Sotschi, so hat sich Russland als Ganzes seit dem Zerfall der Sowjetunion deutlich verändert und auch wirtschaftlich und technisch modernisiert.

Doch dass die Winterspiele in Sotschi eher die Probleme Russlands in den Fokus der medialen Aufmerksamkeit stellten, als das Image des Landes zu verbessern, war ein Ergebnis, das Präsident Putin nicht beabsichtigt hat. Dafür gibt es nun einen neuen Begriff: den Sotschi-Effekt.