Kommentar: Mutige Entscheidung für ″Touch Me Not″ | Kommentare | DW | 25.02.2018
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Standpunkt

Kommentar: Mutige Entscheidung für "Touch Me Not"

Der Siegerfilm der Berlinale ist ein kontroverses Werk - es geht um Sex und die Grenzen von Intimität. Dahinter steckt mehr als nur eine politisch korrekte Jury-Entscheidung in Zeiten von #MeToo, sagt Elizabeth Grenier.

Tom Tykwer hatte es am Samstagabend schon angedeutet. Auf die Frage "Wird es Überraschungen geben?" antwortete der Berlinale-Präsident: "Fifty-fifty." Die fünfzig Prozent ohne Überraschung war die Verleihung des Silbernen Bären an Wes Anderson für die Regie des Animationsfilm "Isle of Dogs". Die fünfzig Prozent Überraschung erfüllte sich mit der Bekanntgabe von "Touch Me Not" als Gewinner des Goldenen Bären.

Der Debütfilm der rumänischen Künstlerin und Filmemacherin Adina Pintile ist weder gefällig noch ein Zuschauerliebling. Er zeigt explizite Nacktszenen, Körper jenseits der Norm, Fetisch. Die Erzählweise ist sehr experimentell und verlangt Zuschauern eine Menge Geduld ab.

Der Film schockte nicht nur so manchen Festivalbesucher: Drei der sechs Jurymitglieder der internationalen Filmzeitschrift "Screen International", die alle Wettbewerbsfilme der großen Filmfestivals bewerten, gaben dem Film nur einen von vier Sternen.

Starke deutsche Beiträge

Unter den vier deutschen Wettbewerbern wurden zwei als mögliche Bären-Gewinner gehandelt: "In den Gängen" von Thomas Stuber und "Transit", eine Adaption des Exil-Romans der deutsch-jüdischen Schriftstellerin Anna Seghers von 1944 von Christian Petzold. Doch wer spekuliert hatte, dass die deutschen Filme wegen des deutschen Jury-Präsidenten Tom Tykwer im Vorteil seien, wurde enttäuscht. Patriotische Parteilichkeit kann man ihm wahrlich nicht vorwerfen - und das verdient Respekt.

Berlinale Wettbewerb 2018 Touch Me Not (Manekino Film, Rohfilm, Pink, Agitprop, Les Films de l'Etranger)

Berlinale-Gewinnerfilm "Touch Me Not"

Zeitgemäße Auseinandersetzung mit dem Thema Einvernehmlichkeit

"Touch Me Not" handelt von der Angst vor Berührungen. Der Film erzählt unter anderem Geschichte von Laura (Laura Benson), einer Frau in den Fünfzigern, die lieber (männlichen) Prostituierten beim Onanieren zusieht, als selbst körperlich intim zu werden. Ihre Blockade versucht sie mithilfe verschiedener Sex-Therapeuten zu lösen. Darunter eine transsexuelle Sexarbeiterin namens Hanna (Hanna Hoffmann), und Seani Love, ein echter Escort-Mann aus London.

Die Regisseurin Adina Pintilie verwischt Grenzen zwischen Fiktion und Realität, indem sie Schauspieler auf reale Personen der Sado-Maso-Szene treffen lässt. Die Regisseurin schafft es trotzdem, dass alle vollkommen authentisch wirken. Die Charaktere des Films haben eine zutiefst beruhigende Ausstrahlung und kreieren so einen sicheren Raum, intime Themen zu erforschen. Auch sie selbst tritt in Szene, und greift in das Geschehen ein.

68. Berlinale | Schauspieler Christian Bayerlein und Grit Uhlemann mit Goldenem Bären (picture-alliance/dpa/Reuters Pool/A. Schmidt)

Christian Bayerlein mit seiner Film- und Lebenspartnerin Grit Uhlemann

Ein weiteres Beispiel dafür ist der Handlungsstrang, in dem sich zwei Menschen in einem Selbsterfahrungs-Workshop begegnen: Tomas (dargestellt von Tomas Lemarquis, bekannt aus "Blade Runner 2049") soll Christian berühren, um seine Hemmungen zu überwinden. Christian ist der Koblenzer Webentwickler Christian Bayerlein, der sich selbst spielt. Er hat - trotz seiner stark einschränkenden spinalen Muskelatrophie - ein unglaublich positives Verhältnis zu seinem Körper und thematisiert öffentlich das Thema Sexualität und Behinderung - unter anderem in seinem Blog "kissability".

Offener Dialog

Viele werden sagen, dass die Berlinale - bekannt dafür ihren sozialpolitischen Anstrich über die kinematographisch hohen Ansprüche zu stellen - mal wieder eine Entscheidung im Sinne der political correctness getroffen hat. Ich glaube jedoch nicht, dass es der Jury darum ging. Natürlich ist es ein starkes Statement inmitten der MeToo-Debatte einen Film wie "Touch Me Not" auszuzeichnen. Aber es ist außerdem ein ästhetisch starkes Werk mit einem experimentellen Erzählangebot, das mich von Anfang an genauso überzeugt hat wie die Jury.

Elizabeth Grenier Kommentarbild App PROVISORISCH (privat)

DW-Kulturredakteurin Elizabeth Grenier

Der Film war zwar nicht mein Favorit: Um ein "liebenswerter" Film zu sein, ist er zu puristisch und verkopft - eigentlich komisch für einen Film in dem es hauptsächlich um den Körper und körperliche Intimität geht. Aber es war auch der Film, über den ich am meisten mit anderen diskutiert habe. Und darum ging es der Filmemacherin in erster Linie, sagte Pintilie als sie ihre Auszeichnung entgegen nahm: um Dialog.

Die Entscheidung der Jury war mutig und zukunftsweisend, auch wenn sie nicht den Applaus der Kritiker bekommen mag. Den Besuch dieses kunstvollen Kinofilms sollte sich jeder erwachsene Zuschauer zutrauen.

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