Kommentar: Mit Greta Thunberg übers Wasser | Kommentare | DW | 14.08.2019
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Klimawandel

Kommentar: Mit Greta Thunberg übers Wasser

Wer emissionsfrei von Europa nach Amerika reisen will, muss segeln. Greta Thunberg macht's jetzt vor. Doch als Vorbild taugt das kaum, meint Felix Steiner.

Wäre Greta tatsächlich ein Messias, dann könnte sie auch übers Wasser gehen und die Frage, wie sie emissionsfrei über den Atlantik kommt, hätte sich erledigt. Sie hätte nur etwas früher aufbrechen müssen, denn selbst wenn sie rund um die Uhr durchmarschieren würde (so, wie sie jetzt ja auch segelt), bräuchte sie bis New York rund 60 Tage. Sie käme also zu spät zum Klimatreffen am Rande der UN-Generalversammmlung in der letzten Septemberwoche.

Nun hat sie sich also mit einer Segelyacht auf den Weg gemacht. Und damit beweist sie zunächst einmal Mut. Ich erinnere mich noch sehr gut an meinen ersten Segeltörn in der Ägäis: wie am dritten Tag die See rauer wurde, ich bleich über der Reling hing und unfreiwillig die Fische fütterte. Und wir waren am Abend wieder im Hafen. Gretas Team hingegen segelt rund 15 Tage und Nächte am Stück durch den Nordatlantik auf einem Schiff, das keinerlei Luxus kennt - weder einen bequemen Schlafplatz noch eine Toilette. Das wird garantiert kein Spaß für Greta - im Gegenteil. Aber Hauptsache emissionsfrei. Das war ihre Bedingung.

Der Klimawandel auf der politischen Agenda

Da ist es wieder - dieses absolute, radikale und kompromisslose Eintreten für ihre zentrale Botschaft. Mit der die 16-Jährige, die noch vor einem Jahr kein Mensch kannte, inzwischen eine Millionen zählende Anhängerschaft gesammelt hat. Dass der Klimawandel inzwischen die politische Agenda in Deutschland prägt und im Europawahlkampf eine größere Rolle spielte als der Brexit oder die italienische Schuldenpolitik hat nicht nur, aber doch sehr viel mit ihr zu tun.

Steiner Felix Kommentarbild App

DW-Redakteur Felix Steiner

Prophetin wurde sie schon oft genannt wegen dieser Fokussierung auf ihr Thema, dem sie alles andere unterordnet. Die Kirchen jedenfalls könnten froh sein, wenn sie Menschen mit solch prophetischen Gaben und missionarischem Eifer in ihren Reihen hätten. Die Glaubenskraft der "Fridays for Future"-Bewegung dürfte den Papst (den Greta selbstverständlich schon getroffen hat) und viele Bischöfe auf alle Fälle neidisch machen.

Spannend bleibt, wie es mit Greta Thunberg und den vielen vor allem jungen Leuten, die sie als Idol verehren, weitergeht. Werden aus Gesinnung und Glaube auch irgendwann Taten? Eindrucksvolle Demonstrationen jede Woche sind das eine. Das Urlaubs- und Reiseverhalten ihrer Anhänger in diesem Sommer, das keinerlei Änderung gegenüber bisher zeigt, aber das andere. Allein durch Schulstreiks und bunte Transparente wird sich das Klima jedenfalls nicht beeinflussen lassen.

Übers Ziel hinaus geschossen?

Und vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob die Atlantiküberquerung per Hochleistungssportboot nicht übers Ziel hinaus schießt. Denn dass es Greta Thunberg gelingt, emissionsfrei in die USA zu reisen, ist ja schön und gut. Aber dass von diesem Törn, anders als von ihren Bahnreisen quer durch Europa, irgendetwas Vorbildhaftes auf Normalsterbliche ausstrahlt, kann angesichts der Bedingungen an Bord der "Malizia II" niemand ernsthaft erwarten. Ob die Thunberg'sche PR-Maschine (ein Dokumentarfilmer ist eigens an Bord) dieses Defizit ausgleichen kann, muss sich zeigen.

Weil Greta schon so oft mit einer Prophetin und ihre Botschaft mit einer neuen Religion verglichen worden sind, sei ein weiterer Vergleich gestattet: Eine (nicht nur) neue Religion kann nur dann erfolgreich sein, wenn ihre Botschafter glaubwürdig sind. Und Religionen waren historisch immer dann besonders erfolgreich, wenn sie sich mit der weltlichen Macht arrangiert und verbunden haben. Auf eine Demokratie bezogen erfordert das, auch Kompromisse zu machen. Anzuerkennen, dass es auch andere gerechtfertigte Bedürfnisse und Ziele gibt, als die eigene, die reine Lehre umzusetzen.

Reine Lehre oder Kompromiss mit Breitenwirkung?

Angela Merkel betont immer wieder, man müsse die Dinge vom Ende her denken. Oder, weniger prosaisch, ihr Vor-Vorgänger Helmut Kohl: "Entscheidend ist, was hinten rauskommt." Übersetzt heißt das: Deine reine Lehre zu bewahren, aber kaum Wirksamkeit zu entfalten, nützt wenig. Kompromisse mit Breitenwirkung aber können vielleicht sogar die Welt verändern. Es lohnt sich jedenfalls, darüber nachzudenken. 15 Tage Zeit hat Greta Thunberg ja jetzt.

Mast- und Schotbruch, Greta!

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