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Politik

Leichtfüßig durchs Minenfeld

30. Juni 2019

Wenn US-Präsident Trump mit seiner unkonventionellen Art gegenüber Nordkorea für Frieden in der Region sorgt, hat er zumindest dafür Anerkennung verdient, meint Alexander Freund.

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USA | Nordkorea | Entmilitarisierte Zone | Donald Trump | Kim Jong Un
Bild: picture-alliance/Xinhua News Agency

"Es gibt nichts Gutes, außer man tut es." Es ist wirklich faszinierend, mit welcher Leichtigkeit der US-Präsident völlig unüberbrückbar scheinende Barrieren überwindet und plötzlich wieder Bewegung in den Korea-Konflikt bringt. Wenn Kim Lust habe, könnte man sich ja treffen, hatte Donald Trump vorab getwittert, er sei gerade sowieso in der Gegend, beim G20-Gipfel in Japan, also wenn's passe, warum nicht?

Und natürlich nahm Kim Jong Un diese Einladung dankend an. Schließlich war das angeblich so herzliche Verhältnis zwischen Trump und Kim nach dem gescheiterten Gipfel von Hanoi merklich abgekühlt. Sogar ein paar Raketen hatte Kim in den Himmel schießen lassen, um mal wieder auf sich aufmerksam zu machen.

Kann ich kurz mit rüberkommen?

Also traf man sich in Panmunjon, an jenem absurden Ort also, wo sich nordkoreanische und alliierte Truppen argwöhnisch beobachten und der die ganze Absurdität des festgefahrenen Konflikts symbolisiert.

Und genau so unvoreingenommen fragte Trump dann bei der Begegnung mit Kim, ob er nicht mal kurz nach Nordkorea mit rüberkommen solle. Der sichtlich erstaunte Kim sagte, es wäre ihm eine große Ehre, und so betrat zum ersten Mal überhaupt in der Geschichte ein US-amerikanischer Präsident nordkoreanischen Boden.

Einfach so. Kein großes Ding. Geht doch! So die simple Botschaft: Nicht lange abwägen, einfach machen. Hätte dies je ein demokratischer Präsident gewagt, er wäre von den Konservativen daheim gelyncht worden. Wie kann man nur, ein solches Regime so aufwerten, ohne vorherige Zugeständnisse! Verräter!

Freund Alexander Kommentarbild App
DW-Redakteur Alexander Freund

Einfach so auf eine vielversprechende Gesprächsebene

Trump aber macht so etwas einfach. Überrascht damit alle und bringt nach Jahrzehnten der Konfrontation endlich Bewegung in die Auseinandersetzung. Genauso unvoreingenommen hatte er gleich bei Amtsübernahme eine grundsätzliche Gesprächsbereitschaft gegenüber Kim bekundet. Warum nicht. Natürlich hat er es anscheinend beim ersten Gipfel in Singapur mit seinem Buddy-Gefasel übertrieben, sein "Freund Kim" bleibt ein unberechenbarer Despot, aber zumindest war eine vielversprechende Gesprächsebene geschaffen.

Entsprechend sind auch die jetzt anschließenden Gespräche auf südkoreanischer Seite erfreulich gut verlaufen. Dort kam zum Glück dann auch der südkoreanische Präsident Moon wieder mit ins Spiel, der maßgeblich im Hintergrund versucht hatte, den dünnen Gesprächsfaden niemals abreißen zu lassen.

Alle drei vereinbarten, dass in der nächsten Zeit auf Arbeitsebene ein Modus erarbeitet wird, wie die festgefahrenen Gespräche wieder vorankommen und die strittigen Fragen gelöst werden. Erklärtes Ziel bleibt die vollständige Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel sowie endlich ein Friedensabkommen zwischen Nordkorea und der alliierten Seite.

Sanktionen bleiben

Damit aber weiterhin genug Druck im Kessel bleibt und Nordkorea sich auch tatsächlich verhandlungsbereit gibt, werden die strikten Sanktionen zunächst im vollen Umfang beibehalten. Trump mag unbedarft wirken, aber er weiß, wie man Deals abschließt. Ach ja, ließ Trump seinen überraschten Freund Kim noch wissen, falls er mal Lust und Zeit habe, könne er ja auch gerne nach Washington kommen.

Das klingt alles ganz easy: Die großen Jungs lernen sich erst mal kennen, markieren ihr Revier, und wenn man sich dann kennen und schätzen gelernt hat, dann werden die Problemchen gelöst.

Ganz so einfach ist es allerdings nicht: Denn auch der sichtlich überraschte Kim hat in den vergangenen Monaten seine Verhandlungsposition extrem geschickt ausgebaut. Er weiß, dass der südkoreanische Präsident ehrlich an einer Friedenslösung interessiert ist und ihm weit entgegen kommen wird. Zudem hat er sich strategisch wichtige Rückendeckung geholt, nicht nur beim russischen Präsidenten Putin, vor allem aber bei der Schutzmacht China. Nachdem er mehrfach Xi Jinping in Peking besucht hatte, hat er es tatsächlich geschafft, dass dieser inzwischen zweitwichtigste Akteur der Weltpolitik unmittelbar vor dem G20-Gipfel Nordkorea einen Staatsbesuch abgestattet hat.

Xi Jinping in Nordkorea mit Kim Jong Un
Von der Schutzmacht China holte sich Kim erst kürzlich RückendeckungBild: Reuters/KCNA

Demonstrativer Schulterschluss mit China

Bei diesem demonstrativen Schulterschluss hat Xi dem angeschlagenen Nordkorea nicht nur seine Unterstützung zugesagt, er hat gleichzeitig auch Trump aufgefordert, wieder in den Dialog mit Kim zu treten. Der Handelskonflikt zwischen China und den USA bereitet beiden Seiten und der weltweiten Wirtschaft ohnehin Probleme genug, da braucht man nicht auch noch einen weiteren Konflikt in der Nachbarschaft.

So sehr die Sprunghaftigkeit oder auch Unberechenbarkeit von Donald Trump die Welt oftmals auch in Atem hält, beim Korea-Konflikt hat sein unkonventionelles Vorgehen in wenigen Monaten mehr erreicht, als in den vielen Jahrzehnten davor. Wenn am Ende ein tragfähiges Abkommen zustande kommt, das die gesamte Region befriedet, dann hat dieser vielgescholtene Präsident zumindest dafür internationale Anerkennung verdient. Wenn die Welt dadurch besser wird, ist es manchmal eben doch nötig, unkonventionelle Wege zu gehen. "Es gibt nichts Gutes, außer man tut es."

DW Mitarbeiterportrait | Alexander Freund
Alexander Freund Wissenschaftsredakteur mit Fokus auf Archäologie, Geschichte und Gesundheit@AlexxxFreund