Kommentar: Keine guten Zeiten für Pragmatiker | Kommentare | DW | 03.04.2016
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Kommentare

Kommentar: Keine guten Zeiten für Pragmatiker

Die Nuklearmächte Indien und Pakistan liegen im Dauerclinch. Die Regierungschefs versuchen eine Aussöhnung. Geheimdienste, Militär und religiöse Fanatiker torpedieren aber regelmäßig den Prozess, meint Florian Weigand.

Pakistan Indischer Ministerpräsident Narendra Modi zu Besuch in Lahore

Pakistans Premier Nawaz Sharif (li.) und Indiens Präsident Narendra Modi in Lahore am 25. Dezember 2015

Vergleichen wir einmal die Schlagzeilen der vergangene Woche: Indiens Premier Narendra Modi berät sich mit Barack Obama in Washington, besucht pressewirksam den Anschlagsort in Brüssel. In Pakistan hingegen werden Christen beim Osterspaziergang Opfer eines Selbstmordattentäters. Islamisten demonstrieren in der Hauptstadt und stilisieren einen gehängten Mörder zum Märtyrer. Er hatte einen hohen Politiker umgebracht, weil dieser die Blasphemie-Gesetze im Pakistan abschaffen wollte. Indien ist also ganz klar Sieger nach Punkten.

Mal Hand aufs Herz: Wir selbst sehen doch gerne Indien als Bollywood-buntes Reich der tausend Eindrücke, voll von Ashrams, heiligen Männern und einer immer stärker boomenden Wirtschaft. Pakistan dagegen verbinden wir eher mit düsteren Bärten, fanatisch rollenden Augen, Terror und Extremismus. Keines der beiden Bilder ist prinzipiell falsch, nur eben nicht sehr differenziert. Denn in der Realität verbindet die beiden Länder mehr als sie trennt: Küche, Kleidung, die Landessprachen und viele Traditionen sind ähnlich, ja oft nahezu gleich, grenzübergreifende Familiengeschichten keine Seltenheit. Stellvertretend für viele Millionen auf den Subkontinent ist dafür ein gutes Beispiel der Filmstar Shahrukh Khan: Der auch im Westen weithin bekannte Schauspieler ist in Indien in eine muslimische Familie hineingeboren mit Wurzeln in Peshawar, im heutigen Pakistan.

Eine Geschichte der Gewalt

Doch teilen die beiden Länder auch eine düstere Seite: Die Geschichte seit der Unabhängigkeit von den Briten im Jahr 1947 ist gesäumt von Gewalt. Das pazifistische Projekt von Mahatma Gandhi scheiterte schon in den Geburtswehen. Der Muslim-Führer Mohammad Ali Jinnah rief das "Land der Reinen" - Pakistan - aus als Heimstatt für die muslimische Minderheit im Millionenmeer der Hindus. Hindus wurden aus Pakistan vertrieben, Muslime aus Indien. Unerhörte Gräueltaten waren auf beiden Seiten an der Tagesordnung. Und dann Kaschmir: Dort herrschte ein Hindu-Fürst über eine muslimische Bevölkerungsmehrheit und optierte für Indien. Heute ist Kaschmir geteilt und Schauplatz von immer wieder aufflammenden Scharmützeln. Vier Kriege haben Indien und Pakistan ausgefochten, in einem verlor Pakistan 1971 seine östliche Enklave - heute Bangladesch.

Weigand Florian Kommentarbild App

Florian Weigand leitet die Urdu-Redaktion der DW

Diese düsteren Geschehnisse bestimmen noch heute die Narrative auf beiden Seiten der Grenze. Beide Länder sind heute zudem Nuklearmächte - eine gegenseitige Bedrohung, die aber auch Annäherung zu einer Überlebensfrage werden lässt. Das haben die beiden Regierungschefs Narendra Modi in Delhi und Nawaz Sharif in Islamabad erkannt und steuern einen vorsichtigen Kurs der Aussöhnung. Beide haben dabei die Wirtschaft im Visier, beide sind Geschäftsleute und sehen einen Markt mit nahezu 1,5 Milliarden Menschen.

Eine reale Zukunftsperspektive also, ausgetüftelt von zwei Pragmatikern? Derzeit sieht es nicht so aus. Denn immer, wenn sich die beiden die Hand reichen, kommt es regelmäßig und wie von Geisterhand zu Störattacken. So überfielen kürzlich Terroristen eine indische Militärbasis, sofort wurde der pakistanische Geheimdienst ISI als Drahtzieher ausgemacht. In dieser Woche tauchten Berichte auf, wonach der indische Geheimdienst die Unabhängigkeitskämpfer im pakistanischen Baluchistan gegen die Regierung in Islamabad aufhetzt.

Speziell in pakistanischen Militärkreisen besteht wenig Neigung, das Bedrohungsszenario zu beenden. Die Armee lebt von der gefühlten Dauerbedrohung durch einen übermächtigen, in der Essenz anti-pakistanischen Nachbarn im Osten. Ohne den Erzfeind Indien hätte es jedoch kaum Sinn, den Apparat in der gegenwärtigen Größe aufrecht zu erhalten. Das Militär ist aber immer noch der größte Arbeitgeber im Land, es betreibt Krankenhäuser und Schulen, die Soldatenfamilien leben in sogenannten Kantonnements, abgeschlossenen Wohnarealen, die einen Lebensstandard bieten, wie ihn anderswo nur die reiche Oberschicht genießt.

Wachstum des religiösen Fanatismus

Und leider haben Indien und Pakistan noch eine weitere Gemeinsamkeit, die aber eher trennt als verbindet: Beiderseits der Grenze werden religiöse Fanatiker immer stärker. Der islamistische Terror in und aus Pakistan ist weltweit bekannt. Aber auch Modi muss sich mit den Hindu-Extremisten auseinandersetzen. Sein Problem: Er selbst ist mit deren Hilfe an die Macht gekommen. Und auch Nawaz Sharif kann den Islamismus nicht in den Griff bekommen. Die Extremisten manchen sich zunutze, dass der Islam zum essenziellen Gründungsmythos des Landes gehört. Nun werden aber in Indien noch vor Ablauf des Jahrzehnts mehr Muslime leben als in Pakistan - eine Identitätskrise steht bevor.

Es steht zu befürchten, dass die Extremisten diese Existenzfrage auf ihre Art beantworten. Sie werden aus dem "Land der Reinen" alles Unislamische hinaus fegen wollen und zum Leuchtturm des Glaubens stilisieren. Die Hindu-Nationalisten ihrerseits werden in Indien alles versuchen, um das Primat ihrer Religion gegenüber der wachsenden Muslim-Minderheit zu festigen. Keine guten Zeiten für Pragmatiker. Und die Extremisten sind gefährlich nahe am Drücker der Nuklearwaffen.

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