Kommentar: Kein Frieden mit den Taliban im Eiltempo | Kommentare | DW | 08.07.2019
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Afghanistan-Gespräche in Doha

Kommentar: Kein Frieden mit den Taliban im Eiltempo

Zwei Tage lang haben Vertreter der Taliban und der afghanischen Regierung hinter verschlossen Türen in Doha miteinander geredet. Das macht Mut, ist aber keine Friedensgarantie für Afghanistan, meint Sandra Petersmann.

Afghanistan Deutsche Botschaft bei Anschlag in Kabul massiv beschädigt (REUTERS/O. Sobhani)

Terroranschläge sind in Afghanistan Alltag

Während in Doha Gedanken von einer Tischseite auf die andere wechselten, starben Menschen in Afghanistan. Durch Krieg und Terror. Wie jeden Tag.

Doha war kein innerafghanischer Friedensgipfel, sondern ein Eisbrecher, der den Weg für weitere Gespräche freimachen soll. Insofern war es ein Gipfel der Möglichkeiten und Unmöglichkeiten. Ohne Spitzenpersonal. Mal in harschem Ton und mal verständnisvoll, wie Teilnehmer berichten.

In privater Mission

Auf Initiative Deutschlands und Katars saßen zum ersten Mal Vertreter der afghanischen Regierung und der Taliban offiziell zusammen - als Privatpersonen. Das war die Bedingung, denn offiziell weigern sich die radikalen Islamisten noch immer, mit der Regierung zu verhandeln. Doch was zählt, ist, dass überhaupt zwei Tage lang gesprochen wurde. Miteinander. Im Ballsaal eines exklusiven Hotels.

Deutsche Welle Sandra Petersmann Kommentarbild (DW/B. Geilert)

DW-Redakteurin Sandra Petersmann berichtet seit 2001 über Afghanistan

Zur Delegation aus Kabul gehörte ein junger, studierter Mann wie Matin Bek, der sich heute federführend um den Aufbau der lokalen Verwaltungen kümmert. Sein Vater war ein Warlord und starb 2011 durch einen Anschlag der Taliban.

Auch Lotfullah Najafizada, der junge Chef des Fernsehsenders Tolo News, war mit dabei. Er hat im Januar 2016 sieben Mitarbeiter verloren, als sich ein Selbstmordattentäter der Taliban in die Luft sprengte.

Baby-Betreuung inklusive

Ebenfalls angereist: Shaharzad Akbar. Im Februar 2017 hatte sie gemeinsam mit anderen jungen Aktivisten der Zivilgesellschaft rote Farbe in den Kabul-Fluss geschüttet, der durch die gleichnamige Hauptstadt fließt.

Das blutrote Wasser sollte an die Opfer von Terror und Krieg erinnern. Heute ist Shaharzad Akbar die stellvertretende nationale Sicherheitsberaterin Afghanistans. Sie brachte ihren zwei Monate alten Sohn mit nach Doha. Das Baby wurde während der Gespräche vom Vater betreut. Auch so kann Afghanistan sein.

Der innerafghanische Dialog von Doha war eingebettet in die laufenden Verhandlungen der US-Amerikaner mit den Taliban. Die Trump-Administration macht Tempo. Und es ist durchaus möglich, dass US-Chefunterhändler Zalmay Khalilzad und die Taliban zeitnah einen Rahmenvertrag aushandeln. Die Taliban fordern einen Zeitplan für den US-Truppenabzug, die Amerikaner wollen Sicherheitsgarantien und die Abkehr vom Terror.

Kein Frieden, nur weil Trump es will

Doch ein Abkommen der USA mit den radikalen Islamisten ist kein Friedensvertrag für Afghanistan. Es ist wie ein leerer Puzzle-Rahmen. Ohne Füllung. Ohne Gerechtigkeit.

Niemand sollte sich der Illusion hingeben, dass sich Frieden in Afghanistan erzwingen lässt, nur weil der US-Präsident um seine Wiederwahl kämpft.

Für die Amerikaner und ihre Verbündeten wie Deutschland geht es "nur" um die 18 Jahre seit dem 11. September 2001. Für die Afghanen geht es um vier Jahrzehnte Dauerkrieg.

Es sind die Afghanen, die klären müssen, welche politische Rolle die Taliban in Zukunft spielen sollen. Es sind die Afghanen, die entscheiden müssen, wie sinnvoll es ist, Ende September Präsidentschaftswahlen abzuhalten. Es sind die Afghanen, die entscheiden müssen, ob sie an ihrer demokratischen Verfassung festhalten oder wieder ein islamisches Emirat werden wollen.

An dieser Stelle wird es dann auch darum gehen, welche Rolle Frauen in Zukunft spielen werden. Was meinen die Taliban, wenn sie sagen, dass Frauen auf Basis der Scharia und der islamischen Kultur lernen und arbeiten dürfen?

Aus Kabul waren nach Angaben des deutschen Sondergesandten Markus Potzel elf Frauen nach Doha gereist. Zur Taliban-Delegation gehörte keine Frau.

Großes Misstrauen auf allen Seiten

Was auch zur afghanischen Realität gehört: Die Regierung ist zerstritten und lähmt sich selbst durch Machtkämpfe. In den Provinzen behindern Kriegsfürsten die demokratische Entwicklung, während sie vom Geld des Westens leben, der sie zu Partnern gemacht hat. Auf Seiten der Taliban ist fraglich, ob ihre politischen Vertreter in Doha die gleichen Interessen haben wie ihre Kämpfer auf dem Schlachtfeld. Taliban-Kommandeure kontrollieren inzwischen rund die Hälfte des Landes. Warum sollten sie politische Zugeständnisse machen, wenn doch die Zeit auf ihrer Seite ist?

Wer in Afghanistan Frieden schaffen will, braucht diplomatische Geduld. Der Weg zum Frieden ist lang. Es wird noch viel Blut fließen. Afghanistan war und ist auch ein Stellvertreterkrieg. Ohne die schwierigen Nachbarländer Pakistan und Iran sowie die Großmächte China, Indien und Russland wird es nicht gehen.

Umso dringender braucht es Gespräche wie jetzt in Doha, in denen Afghanen hinter verschlossenen Türen geschützt miteinander reden können. Über Mögliches und Unmögliches. Über ihr Land mit und ohne Krieg.

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