Kommentar: Joachim Löw und das Leistungsprinzip | Fußball | DW | 04.06.2018
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Endgültiger WM-Kader

Kommentar: Joachim Löw und das Leistungsprinzip

Deutschland reist mit einem ausgewogenen Kader zur WM 2018 nach Russland. Dass Bundestrainer Joachim Löw dabei überraschend auf Jungstar Leroy Sané verzichtet, folgt einem klaren Prinzip, meint Joscha Weber.

WM 2018 - Nominierung des endgültigen WM-Kaders Löw (picture-alliance/dpa/C. Charisius)

Effektvolle Kaffee-Pause: Joachim Löw sendet eine Leistungs-Botschaft an alle Spieler

Als der Bundestrainer seine Botschaft verkündet hatte, machte er eine bewusste Zäsur. Er hob seine Tasse an, schlürfte ein wenig daraus und stellte sie bewusst langsam wieder auf dem Tisch vor ihm ab. Vier Namen hatte er gerade genannt: Bernd Leno, Jonathan Tah, Nils Petersen und Leroy Sané - sie alle werden nicht mit zur Fußball-WM nach Russland fahren. Dann die Kunstpause. Joachim Löw ist lange genug Teil dieses Spektakels Fußball, um solch gute, alte dramaturgische Tricks gezielt anzuwenden. Löw wollte, dass seine Worte sacken konnten. Und das war für den einen oder anderen Beobachter auch nötig.

Denn mit Bernd Leno verzichtet Löw auf einen Torhüter mit Spielpraxis (die die auserwählten Keeper Manuel Neuer und Kevin Trapp kaum vorweisen können) und mit Leroy Sané auf einen genialen Dribbler und Tempofußballer, der Stammspieler bei Premier-League-Meister Manchester City ist. Vor allem letztere Entscheidung ist eine Überraschung, denn für viele schien Sané als aufgehender deutscher Fußball-Stern gesetzt. Er sei von den Fähigkeiten aller vier Spieler weiterhin überzeugt, so Löw, der betonte, sich die Entscheidung "nicht einfach gemacht" zu haben. Dass er sie jedoch so getroffen hat, ist absolut nachvollziehbar.

Sané enttäuschte im DFB-Trikot

Weber Joscha Kommentarbild App

DW-Sportredakteur Joscha Weber: "Leistung und Einsatz sind die Schlüsselbausteine des Erfolgsrezepts von Löw. Wer diese nicht bietet, kann kein Teil dieses erlesenen Kaders sein."

Auf den ersten Blick sprach zunächst vieles für Sané: 32 Liga-Spiele, zehn Tore, 15 Vorlagen in der zu Ende gegangenen Meister-Saison für City, dazu viel dazugewonnene internationale Erfahrung in der Champions League und ein genialer linker Fuß, der längst nicht nur Manchester-Fans schwärmen lässt. Auf den zweiten Blick trübte sich das Bild aber ein. Denn Sané überzeugte im DFB-Dress zuletzt überhaupt nicht. Bei der Pleite gegen Brasilien ging er völlig unter, wurde ausgewechselt. Die folgenden Warnsignale nahm er offensichtlich nicht ernst genug, drängte sich zumindest im öffentlich einsehbaren Teil des Trainings nicht auf und leistete sich bei der Niederlage gegen Österreich erneut reihenweise Ballverluste und bot erneut eine sehr schwache Leistung. Leistung, das ist es aber, was der Bundestrainer erwartet, genau wie Einsatz. Es sind die beiden Schlüsselbausteine seines Erfolgsrezepts. Wer diese nicht bieten kann oder will, kann kein Teil dieses erlesenen Kaders sein.

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Die WM in Brasilien hat gezeigt, wie wichtig Teamgeist und individuelle Hingabe für das kollektive Ziel sind. Joachim Löw weiß, dass er für sein erklärtes Ziel eines erneuten Titels eine weitere außergewöhnliche Leistung aller Beteiligten braucht. Spieler, die sich auf ihren Meriten ausruhen und Länderspiele nicht ernst nehmen, braucht er nicht. Es gilt das Löw'sche Leistungsprinzip. Auch der überfordert wirkende Freiburger Stürmer Nils Petersen scheiterte daran.

Neuer erhält keinen Freifahrtsschein

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Neuer oder ter Stegen - wer sollte die Nummer 1 sein?

Und obwohl es auf den ersten Blick verwunderlich wirkt: Das Leistungsprinzip fand auch im  Fall Manuel Neuer Anwendung. Ja, Manuel Neuer hat so gut wie keine Spielpraxis vorzuweisen. Und dennoch hat er seinen Einsatzwillen unter Beweis gestellt. Neben seinen Erfolgen der Vergangenheit überzeugten den Bundestrainer die gezeigten Leistungen im Trainingslager ("Man hat ihm die Pause nicht angemerkt") und vor allem der Wille, sich über Monate zurück an die Spitze zu arbeiten. "Es war eine harte Zeit", sagt die alte, neue Nummer eins im Tor über seine neunmonatige Reha. "Ich bin davon überzeugt, dass ich den Belastungen eines großen Turniers standhalten kann." Den Beweis gilt es nun anzutreten. Denn eins sollte an diesem Tag einmal mehr klar geworden sein: Ohne Einsatz kein Einsatz unter Löw.

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