Kommentar: Hier streikt ständig was | Kommentare | DW | 21.03.2018
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Standpunkt

Kommentar: Hier streikt ständig was

Weil sich die Gewerkschaft ver.di entschlossen hat, zu warn-streiken, gibt es heute keinen Nahverkehr im Rheinland. Sonst streiken Türen, Signale und Weichen, meint Marko Langer - also kaum ein Unterschied.

Zunächst einmal die Fakten: Die Gewerkschaft ver.di möchte gerne, dass die Beschäftigten im öffentlichen Dienst sechs Prozent mehr Lohn und Gehalt bekommen. Für die unteren Lohngruppen soll es mindestens 200 Euro pro Monat geben. 2,6 Millionen Mitarbeiter sind betroffen.

Und jetzt die Emotion: Ich gönne jedem Straßenbahnfahrer mehr Geld und habe hohen Respekt vor jedem Müllwerker, der unseren Dreck wegmacht. Aber in einer Tarifrunde, in der man bislang nicht unbedingt den Eindruck hatte, es sei bereits bis zum Anschlag verhandelt worden, einfach mit bundesweiten Warnstreiks zu agieren, ist ein Unding.

Gigantischer Modernisierungsstau

Es ist vor allem deshalb ein Unding, weil es im deutschen öffentlichen Nahverkehr alles andere als rund läuft. Beispiel Nordrhein-Westfalen: Weil hier lange nicht hingesehen wurde, geht eine Kommission des Landtages inzwischen von einem Erneuerungsbedarf von 1,8 Milliarden Euro bei den Verkehrsbetrieben und 600 Millionen Euro bei den Kommunen aus.

"Folgende Fahrt entfällt", ist zum Beispiel in Köln ein bekannter Schriftzug an den Anzeigetafeln. Man bemühe sich, die Fahrten schnellstmöglich wieder nach Plan aufzunehmen, hört man regelmäßig aus alten Lautsprecher-Anlagen am zugigen Bahnsteig. Manche Regionalbahnen fallen mittlerweile fast jeden Tag aus. Auf den Autobahnen ist derweil Dauerstau.

Langer Marko Kommentarbild App

DW-Redakteur Marko Langer

Nun ist das Rheinland ja auch recht kleine, eigentlich unbedeutende Region in einem Bundesland, in dem ohnehin kaum jemand lebt... Grrrr! Manchmal möchte man in der Landeshauptstadt Düsseldorf an der Staatskanzlei vorfahren, dem Ministerpräsidenten seinen Dienstwagen-Schlüssel wegnehmen und ihn einladen zu einer kleinen Bahnfahrt - sagen wir mal, von der Landeshauptstadt zu einer UN-Konferenz in Bonn. Wenn er viel Glück hat, dann schafft er die 75 Kilometer Wegstrecke tatsächlich in weniger als zwei Stunden Fahrzeit.

Wahrscheinlicher ist aber, dass unterwegs mindestens einmal die Tür an einem Waggon klemmt, es einen "Weichenschaden" oder eine "Signalstörung" gibt und sich die Weiterfahrt deswegen verzögert. Und der Ministerpräsident - wie viele andere Fahrgäste auch - seinen Termin in Bonn dann eben verpasst.

Besser nur zu spät als viel zu spät

Die Betreiber des öffentlichen Nahverkehrs auf ihren Vorstands- und Aufsichtsratssesseln werden nun einwenden, dass die meisten Fahrgäste nicht so unzufrieden seien wie der Autor dieses Textes. Das Marktforschungsunternehmen Kantar TNS veröffentlichte im August sein Nahverkehrs-Kundenbarometer 2017, wonach sich "ein deutlicher Vorsprung der öffentlichen Verkehrsanbieter vor dem Individualverkehr" zeigt. Ja, toll. Weil zu spät ankommen immer noch besser ist, als viel zu spät anzukommen?

Viel zu tun also für den jungen CSU-Politiker Andreas Scheuer, der gerade das Bundesverkehrsministerium übernommen hat. Er ist Parteifreund von Dorothee Bär, die sich als neue Staatsministerin für Digitalisierung gerade dem Spott ausgesetzt hat, als sie sich Flugtaxen wünschte, wo sie doch nach besseren Breitbandverbindungen für ein wettbewerbsfähiges Internet gefragt wurde.

Im "Land der Ladebalken"

Man sollte das mit dem Spott nicht übertreiben. Aber die smarten neuen Regierungsmitglieder sollten mehr Bahn fahren. Die Infrastruktur-Beauftragten im Kabinett sollten mit den Menschen auf den Bahnsteigen reden, mindestens so häufig wie mit Moderatoren im Talk-Studio. Sie sollten sich zwischendurch mal einen langen Bericht, eine komplizierte Excel- oder Keynote-Präsentation mit eingebauten Videos auf ihr Handy schicken lassen. Klappt nämlich nicht. Sie werden spätestens dann begreifen, dass wir hier im "Land der Ladebalken" leben, wie es gerade die "Süddeutsche Zeitung" so wunderbar titelte.

Uns Normalbürgern bleibt nur die Wut. Wir stehen auf den Bahnsteigen herum, nachdem wir dem Chef eine WhatsApp-Nachricht geschickt haben, dass es leider mal wieder etwas später wird. Erinnern Sie sich an den Hollywood-Film "Falling down", in dem Michael Douglas in der Rolle als William Foster im stockenden Großstadt-Verkehr aus dem Auto steigt und Amok läuft? Kein Vorbild, überhaupt nicht. Aber dieser Foster hatte gerade seinen Job verloren und konnte keinen Unterhalt für seine Tochter zahlen. Und da sagt er an einer Stelle den Satz: "Wenn Ihr so freundlich seid und einfach aus dem Weg gehen würdet, dann trag ich meine Probleme woanders hin! Ok? Ist doch ein faires Angebot?"

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