Kommentar: Feindbild Flüchtling in Griechenland | Kommentare | DW | 11.03.2020
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Flucht und Migration

Kommentar: Feindbild Flüchtling in Griechenland

Die Stimmung hat sich gedreht: Halfen vor fünf Jahren noch viele Griechen den Flüchtlingen, würden sie diese heute am liebsten verjagen. Die Verantwortung für diesen Wandel ist klar zuzuordnen, meint Spiros Moskovou.

BG Flüchtlingskrise Griechenland/Türkei (Getty Images/AFP/A. Messinis)

Bewohner von Lesbos wollen die Flüchtlinge, die im Schlauchboot die Ägäis durchquert haben, nicht mehr an Land lassen

Verstörende Bilder erreichen uns dieser Tage aus Griechenland: Sicherheitskräfte setzen an der griechisch-türkischen Grenze am Fluss Evros Tränengas gegen Flüchtlinge und Migranten ein, die versuchen nach Europa zu gelangen. Nachts patrouillieren Bürgerwehren in der Region auf der Suche nach Fremden, die eventuell ins Land gekommen sind. Auf der Insel Lesbos versuchen Einwohner, Flüchtlingsboote von der Küste abzudrängen. Und nicht weit weg vom berüchtigten Flüchtlingslager Moria schikanieren rechtsradikale Gruppen Mitglieder von Hilfsorganisationen und verprügeln Journalisten.

Fünf Jahre nach der ersten großen Flüchtlingskrise zeigt Griechenland den Fremden gegenüber sein zweites Gesicht - das menschenverachtende. Die Zeiten des berühmten Bäckers von Kos, der Brot an die Flüchtlinge verteilte und dafür mit dem europäischen Preis der Zivilgesellschaft geehrt wurde, scheinen vorbei zu sein.

Griechenland im Kriegsfieber

Seit dem Ansturm der Hoffnungslosen auf die nordöstliche Grenze Griechenlands, ermuntert von der perfiden Öffnung der türkischen Grenze durch Präsident Erdogan, befindet sich das Land in einer Art Kriegsfieber. Sogar EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen fühlte sich jetzt verpflichtet, für einen moderaten Umgang der griechischen Sicherheitskräfte den Flüchtlingen gegenüber am Evros zu appellieren.

Moskovou Spiros Kommentarbild App

Spiros Moskovou leitet die Griechische Redaktion

Die Verantwortung für diese Entwicklung trägt eindeutig die konservative Regierung des sonst so modernen Premiers Kyriakos Mitsotakis, der jedoch von Anfang an einen härteren Kurs in der Flüchtlingsproblematik einschlagen wollte. Sein Regierungssprecher Stelios Petsas erklärte nach den Ereignissen am Evros, das Land sei mit einer "asymmetrischen Bedrohung" konfrontiert. Diese bewusst gewählte militärische Terminologie hat das Blatt gewendet: Über Nacht wurde das Flüchtlingsproblem in Griechenland zum Sicherheitsproblem. Die Stimmung kippte dementsprechend: Die Sozialen Medien, bekanntlich kein Hort der politisch Korrekten, spülen seitdem unaufhörlich rassistische Kommentare gegen die Fremden im Land nach oben, auch gegen DW-Angebote zur Situation der Flüchtlinge.

Fünf Jahre nach 2015 muss man feststellen, dass Griechenland die Herausforderung der etwa 110.000 Flüchtlinge, die sich derzeit im Land aufhalten, kaum meistern kann. Und das trotz der anfänglich positiven Einstellung großer Teile der Bevölkerung und trotz hunderter Millionen Euro, die aus Brüssel eingeflossen sind. Immer wieder auftauchende Indizien, dass EU-Gelder veruntreut werden, wurden nicht weiterverfolgt. Eine geordnete und effiziente Bearbeitung der Asylanträge wurde niemals erreicht. Eine breite Diskussion zur möglichen Integration von Flüchtlingen in die griechische Gesellschaft fand nicht statt. Die Regierungen in Athen, egal welcher Couleur, haben die Appelle von den Flüchtlingsinseln Lesbos, Kos oder Samos stets ignoriert.

Die Inselgesellschaften sind überfordert

Die lokalen Gesellschaften auf den Inseln indes konnten die Last der Neuankömmlinge allein nicht bewältigen. Das Flüchtlingscamp Moria auf Lesbos ist längst zu einem Slum der Verzweifelten verkommen. Eine Situation, die der beste Nährboden für den heute ans Licht kommenden Rassismus war. "Die sollen alle abhauen", sagt ein Mann aus Lesbos in einer DW-Reportage, "in ihre Länder zurückkehren und später mal, wenn die Lage bei denen sich verbessert hat, als Touristen zurückkommen. Dann sind sie bei uns willkommen."

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