Kommentar: Fast ein Wunder | Kommentare | DW | 26.01.2020
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Holocaust-Gedenken

Kommentar: Fast ein Wunder

Muslime und Juden gemeinsam in Auschwitz - der Besuch des Generalsekretärs der Islamischen Weltliga in der Gedenkstätte schuf Momente von historischem Rang, meint Christoph Strack. Ein großer Aufbruch hat begonnen.

Es waren Bilder, die geschichtliche Bedeutung haben. Es waren Worte, die einer Sensation gleichkamen. Muslime und Juden besuchten gemeinsam Auschwitz, jenen Ort, der für den nationalsozialistischen Massenmord an Juden und weiteren Opfergruppen steht. Gemeinsam versammelt waren, in gegenseitigem Respekt, ja, geradezu freundschaftlich verbunden: hier einer der ranghöchsten muslimischen Geistlichen weltweit, der Generalsekretär der Islamischen Welt-Liga, Mohammad Al-Lissa, mit weiteren muslimischen Repräsentanten, dort die komplette Führung des American Jewish Congress (AJC), viele von ihnen direkte Nachfahren von Holocaust-Überlebenden. Das kommt in Zeiten - auch religiös - aufgeladener Konflikte fast einem Wunder gleich.

Kein Muslim könne Auschwitz leugnen

Von beiden Seiten gab es dabei starke, grundsätzliche wie persönliche Reden. Vor allem Al-Issa formulierte Sätze, die man von einem Muslim seines Ranges bislang nicht hörte. Sie könnten überkommene Vorurteile und Meinungen ins Wanken bringen. Der Scheich formulierte an mehreren Stellen der Reise die deutliche Absage an religiös motivierten Hass und Intoleranz, an Antisemitismus. Und gleich bei mehreren Reden in Auschwitz und in Warschau erinnerte er, spürbar bewegt, an die Eindrücke in der Gedenkstätte. Auch er hatte die Berge von Haaren, die vielen Koffer, die Kinderschuhe gesehen. Die "Beweise dieses Menschheitsverbrechens", wie er sagte.

Kein Muslim, so Al-Issa, könne Auschwitz leugnen. Und wer dies doch tue, sei "ein Verbrecher wie die Nazis selbst" und wolle die Welt vorbereiten auf weitere Verbrechen. Welcher Zündstoff in solchen Aussagen steckt, das zeigte sich schon gegen Ende der gemeinsamen Tage. Ein Beispiel? Den Generalsekretär des Arabisch-Islamischen Rates im Libanon, Mohamad Ali El Husseini, einen verständigen Schiiten, erwarten in seiner Heimat Drohungen und Ankündigungen aus Hisbollah-Kreisen, ihm den Prozess zu machen.

Es klang sogar nach Religionsfreiheit

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DW-Redakteur Christoph Strack

Während der Tage wurde, soweit man es mitbekam, nicht über Politik gesprochen. Aber klar: Es war ein hochpolitisches Signal. Ermöglicht gewiss durch die Kluft zwischen Riad und Teheran, zwischen Schiiten und Sunniten, die Suche nach Bündnispartnern. Bald nach dem Besuch kündigte Israel an, dass Staatsbürger künftig Saudi-Arabien besuchen dürfen. Sei es aus religiösen oder geschäftlichen Gründen. Und der Außenminister der Vereinigten Arabischen Emirate, Abdullah bin Zayed, äußerte sich per Tweet zum Auschwitz-Gedenken und sprach von einem "Verbrechen gegen die Menschlichkeit". Im Februar 2019 hatte Papst Franziskus die Emirate besucht, die sich zunehmend in die Rolle eines Mittlers im interreligiösen Dialog bringen. Sie meinen es ernst. Al-Issa sagte in Warschau auch, es könne religiös keine "zwei Standards" geben. Das klingt nach Religionsfreiheit.

Aber ja: Saudi-Arabien ist das Land, das hinter dem bestialischen Mord an Jamal Khashoggi steht. Es ist das Land, das Dissidenten wie Raif Badawī einkerkert oder auspeitschen lässt. All das ist nicht vergessen und bleibt politisch auf der Agenda. Der Direktor des AJC, David Harris, machte sehr deutlich, dass es Gegenwind geben werde zum nun begonnenen, gemeinsamen Weg mit der Islamischen Welt-Liga. Aber man sei entschlossen, diesen Weg zu gehen.

"Sind Sie bereit, nach Auschwitz zu reisen?"

Dass diese Reise und diese - das Wort ist angebracht in diesem Fall - Freundschaft zustande kam, ist de facto nicht der Politik geschuldet und wurde übrigens lange vor Khashoggis Tod anvisiert. Seit 20 Jahren bemüht sich das AJC um Kontakte und Gesprächsfäden zur muslimischen Seite. Und es war Bawa Jain, ein Inder, kein Mitglied einer monotheistischem Religion, der als Generalsekretär des "Ökumenischen Rates der Religionsführer" in mehrjähriger geduldiger Arbeit dafür sorgte. In Warschau wurde dem bescheiden wirkenden Mann gedankt. Und die erste Frage an Al-Issa, die zu klären war, lautete übrigens: "Sind Sie bereit, nach Auschwitz zu reisen?"

Ob er in Deutschland groß Erwähnung findet?

Er war bereit. In Polen fand der Besuch hohe Aufmerksamkeit. Den Abschlussabend der Reise bildete ein Shabbatessen mit Gästen aus Politik und Kirchen, bei dem Polens Außenminister und der Primas der katholischen Kirche des Landes sprachen.

Nun ist Mohammed Al-Issa in Deutschland. Er war bereits in der Synagoge in Halle, trifft unter anderen Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble und im Auswärtigen Amt Staatsminister Niels Annen. Und diskutiert hinter verschlossenen Türen mit dem Präsidenten der Europäischen Rabbiner-Konferenz, Pinchas Goldschmidt. Ob er in deutschen Medien groß Erwähnung findet, da er doch gar nicht den gängigen Klischees zum Thema Islam entspricht? Es bleibt zu hoffen. Immerhin: Ein großer Aufbruch hat begonnen.

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