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Entscheidung für die Zukunft

Joscha Weber Bonn 9577
Joscha Weber
17. Mai 2016

Ganz Fußball-Deutschland erwartet bei der EM den nächsten Titel von der deutschen Weltmeister-Elf. Doch Bundestrainer Löw denkt schon über das Turnier hinaus - und handelt damit genau richtig, kommentiert Joscha Weber.

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Deutschland Essen Joshua Kimmich ( U21 Deutschland ), rechts, mit Julian Brandt
Voller Einsatz für einen EM-Startplatz: Julian Brandt (l.) und Joshua Kimmich haben sich ihren Platz im Kader verdientBild: picture-alliance/R. Goldmann

Man kann sich den Moment nur vorstellen. Du bist ein junger Nationalspieler und hast die Nacht schlecht geschlafen. Denn Du weißt, was am Morgen ansteht: die Kaderbekanntgabe für die EM in Frankreich. Und dann klingelt das Telefon - endlich. Im Display steht: "Joachim Löw ruft an". Das kann an diesem Dienstagvormittag nur zwei Dinge bedeuten: Du bist dabei - oder eben nicht. Vielleicht wird man als junger Fußballer kurz zögern, innehalten und überlegen, was dieser Anruf für die Sommerplanung und den weiteren Karriereweg bedeutet. Dann der Griff zum Telefon und auf die grüne Taste im Display drücken. Nun liegt das eigene Schicksal in der Hand des Bundestrainers.

Joachim Löw beschreibt diesen magischen Moment in der Karriere seiner jungen Talente so: "Den einen oder anderen Spieler habe ich heute Vormittag aus dem Bett geklingelt, schließlich sind einige schon im Urlaub", erzählt Löw und berichtet zunächst von denen, für die er positive Nachrichten hatte. "Die jungen Spieler freuen sich wahnsinnig. Die Freude spürt man durchs Telefon."

Weber Joscha Kommentarbild App
DW-Sportredakteur Joscha Weber: "Joachim Löw steht vor schweren Entscheidungen - es wird Härtefälle geben"

Löw setzt zurecht auf die jungen Wilden

Das wird vor allem für ein junges, aufstrebendes Quartett gelten: Joshua Kimmich (21 Jahre jung), Julian Brandt (20), Leroy Sané (20) und Julian Weigl (20). Sie alle stehen im vorläufigen 27-köpfigen EM-Kader der deutschen Nationalmannschaft für die EURO in Frankreich - und sie alle haben eines gemeinsam: Sie stehen für die Zukunft des deutschen Fußballs. Alle vier haben herausragende Leistungen in dieser Saison gezeigt, sich in ihren Vereinen zu echten Alternativen (Kimmich) oder gar veritablen Stützen der Mannschaft (Brandt, Sané und Weigl) entwickelt. Fortschritte, die dem Bundestrainer nicht entgangen sind - und sie deshalb völlig zurecht manch Etabliertem vorzieht. Es ist auch eine Entscheidung für die Zukunft.

Während Kritiker das Fehlen von Weltmeistern wie Christoph Kramer oder Ron-Robert Zieler monieren, schwärmt Löw von Sanés "außergewöhnlichen Fähigkeiten", Weigls "unglaublicher Übersicht", Kimmichs "sehr hohem Niveau" und Brandts "hervorragendem Spiel" - Superlative, die als Lob gedacht sind, zugleich aber auch als Erwartungshaltung gedacht sind. Löw fördert und fordert. Und er ist damit erfolgreich, siehe WM in Brasilien. Der Bundestrainer tut gut daran, auch in Frankreich neben 14 gestandenen Weltmeistern erneut auf die Jugend zu setzen, um so die nächste herausragende Generation an die Weltspitze heranzuführen. Jetzt sollte, nein, muss Löw dem jungen Quartett auch die finale Fahrkarte nach Frankreich geben.

Das Leistungsprinzip

Dabei wird es auch einige Härtefälle geben. Denn im vorläufigen Kader stehen auch Namen, die man getrost zu "Löws Lieblingen" zählen kann. Lukas Podolski ist so ein Fall. Verdient und stets menschlich eine echte Bereicherung, gewiss. Aber hat er sich sportlich ein EM-Ticket verdient? Wohl kaum. Eher schon ein anderes Sorgenkind des letzten Turniers: Mesut Özil mauserte sich in dieser Saison fast unbemerkt mit 19 Assists zum besten Vorlagengeber der englischen Premier League.

Löw steht vor ein paar schweren Entscheidungen. Entscheidungen, die mehr Nebengeräusche auslösen werden als sein Verzicht auf die beinahe vollständige Dortmunder Defensive mit Mathias Ginter, Erik Durm, Marcel Schmelzer und Gonzalo Castro. Mit Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira sind zwei seiner Anführer verletzt, Ausgang ungewiss. Der Bundestrainer sollte sich konsequent auf das Leistungsprinzip stützen: Nur wer die Mannschaft wirklich weiterbringt, hat seinen Platz verdient. In Brasilien hat ein Mix aus erfahrenen Akteuren mit Spielübersicht und Coolness sowie jungen Wilden mit Laufbereitschaft und unbändigem Willen den Erfolg gebracht. Auch in Frankreich wird es auf diese Balance ankommen.

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