Kommentar: Endlich ein Zeichen setzen | Sport | DW | 25.01.2020
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Meinung

Kommentar: Endlich ein Zeichen setzen

Der FC Bayern gewinnt deutlich gegen den FC Schalke und ist nur noch einen Punkt hinter Tabellenführer RB Leipzig. Die wichtigste Erkenntnis an diesem Abend ist aber - dank einiger Fans - eine andere, meint Sarah Wiertz.

Es gab einige erinnerungswürdige Momente an diesem Samstagabend, besonders aus FC Bayern-Sicht: Da ist zum einen der artistische Seitenfallrückzieher von Leon Goretzka gegen seinen Ex-Verein FC Schalke 04 hervorzuheben. Oder das 21. Saisontor von Robert Lewandowski. Oder der Treffer von Publikumsliebling Thomas Müller in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit, nachdem sein erstes Tor wegen vermeintlichem Abseits nicht gezählt wurde. Womöglich ist in diesem Zusammenhang auch der feine Spielzug des deutschen Rekordmeisters zu nennen, den Thiago erfolgreich abschloss, andere mögen das finale Tor von Joker Serge Gnabry zum 5:0 (0:0)-Endstand als Demonstration der neugewonnen Bayern-Stärke sehen. Einigen Gäste-Zuschauern bleiben vermutlich eher die beiden Patzer von Schalkes Torwart Markus Schubert beim ersten und letzten Bayern-Tor in Erinnerung.

DW Kommentarbild Sarah Wiertz

DW-Redakteurin Sarah Wiertz

Für den eindringlichsten Auftritt sorgten allerdings weder Spieler noch Mannschaften sondern ein Teil der FC Bayern-Fans. Vor dem Anpfiff, als beide Mannschaften durch den Spielertunnel kamen und die Vereinshymne ertönte, hielten sie über den unteren Rängen des Bayern-Blocks hinter dem Tor ein riesiges rot-weißes Banner mit den Worten "Gegen das Vergessen" hoch. In der Mitte des Schriftzugs war das Schwarz-Weiß-Foto eines Mannes zu sehen, dessen Name nicht genannt wurde, dafür war noch mehr Text zu lesen: "Münchener, Vater, Bayern-Mitglied und Ältestenrat."

Das Foto zeigte ein Portrait von Hugo Railing - einem Münchener Bürger, der bis 1936 eine Textildruckerei in der bayerischen Landeshauptstadt betrieb. Wegen seiner jüdischen Religionszugehörigkeit wurde er vom Nazi-Regime gezwungen, seine Firma zu verkaufen und schließlich 1942 im Vernichtungslager Sobibor ermordet.

Ein deutliches Zeichen gegen Rassismus und Gewalt und wesentlich eindrucksvoller als das, was sich die Deutsche Fußball-Liga als Zeichen des Erinnerns an die Opfer des Holocaust ausgedacht hat. Der Gedenktag wird rund um den 27. Januar, dem Datum der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz begangen, die sich in diesem Jahr zum 75. Mal jährt.  

Fussball 1. Bundesliga 19.Spieltag l Bayern München v Schalke 04 l #WeRemember (Imago Images/C. Kolbert)

DFL-Aktion zum Holocaust-Gedenktag

Für die DFL-Aktion stellten sich die beiden Mannschaften und das Schiedsrichtergespann für ein Foto auf und hielten ein weißes Schild mit schwarzer Aufschrift hoch, auf dem stand: "#WeRemember". Eine nette PR-Aktion, um zu zeigen, dass Rassismus und Diskriminierung in unserer Gesellschaft und damit auch im Fußball keinen Platz haben darf - sie ähnelt der Anti-Rassismus-Kampagne der UEFA bei den Champions-League-Spielen. Aber nutzen solche Maßnahmen tatsächlich, Zuschauer zum Nachdenken, zum Erinnern, zum Umdenken anzuregen?

Nein, dafür sorgen bisher weder die Spieler noch die Vereine noch die Organisationen - sondern die Fans selbst. Ein Teil der Bayern-Anhängerschaft beispielsweise ist bekannt für Erinnerungsaktionen. So veranstaltet die Ultra-Gruppierung "Schickeria" jedes Jahr ein antirassistisches Turnier, den Kurt-Landauer-Pokal. Landauer war in drei Amtszeiten Präsident des FC Bayern München, musste jedoch während des Nazi-Regimes sein Amt abgeben. 

Doch es sind die Vereine und vor allem der Deutsche Fußball-Bund und die Deutsche Fußball-Liga, die endlich handeln müssen. Wenn es der Fußball wirklich ernst meint mit dem Kampf gegen Rassismus, müssen endlich knallharte Sanktionen her, sobald auch nur einer im Stadion einen anderen Menschen wegen seiner Ethnie, Hautfarbe oder Religion anfeindet. Spielabbruch, Punkteabzug, Stadionverbote - warum nicht? 75 Jahre nach Ende der Nazi-Herrschaft hat sich die AfD in Deutschland zu einer etablierten Partei entwickelt. Ab und an ein Plakat hochhalten, dass zum Nein gegen Rassismus aufruft, ist viel zu wenig. 

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