Kommentar: Einheit? Wir schaffen das… | Kommentare | DW | 02.10.2018
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Deutsche Einheit

Kommentar: Einheit? Wir schaffen das…

…immer noch nicht. Auch 28 Jahre nach der Deutschen Vereinigung hinkt der Osten wirtschaftlich hinterher. Dass sich dort viele als Bürger zweiter Klasse fühlen, hat aber auch andere Gründe, meint Marcel Fürstenau.

Angela Merkel darf man - angesichts ihrer einzigartigen Karriere - als die größte Gewinnerin der Deutschen Einheit bezeichnen. Seit 13 Jahren regiert die zwar in Hamburg geborene, aber in der DDR aufgewachsene Christdemokratin das Land - seit einiger Zeit mehr schlecht als recht. Nicht einmal auf ihre Bundeskanzlerin, die doch eine von ihnen ist, können Ostdeutsche also noch stolz sein. Auch deshalb ist die republikweit zunehmende Entfremdung zwischen Regierung und Regierten östlich der Elbe stärker spürbar als im Westen.

Merkel ist in ihren Augen die exponierteste Vertreterin einer Politik, die ihre Interessen eben nicht vertritt, obwohl sie mit ihnen die gleiche Diktatur-Erfahrung und Vergangenheit teilt. Doch während der Weg für die seit 2005 amtierende Regierungschefin nach dem Fall der Berliner Mauer stetig nach oben führte, ging es für Millionen Ostdeutsche lange steil abwärts. Vor allem die deprimierende Erfahrung von persönlich unverschuldeter und lange andauernder Arbeitslosigkeit hinterließ bleibende Verletzungen.

Oft fehlt der Respekt für die Lebensleistung in einer Diktatur  

Die eigene Lebensleistung - erbracht unter den Bedingungen eines kulturell und ökonomisch bevormundenden Staates - stand über Nacht zur Disposition. Das zu verkraften, erfordert(e) ein Höchstmaß an Flexibilität, Mobilität und emotionaler Stabilität, wie es von den Westdeutschen in vergleichbarer Dimension niemals verlangt worden ist. Denn wirtschaftlicher Strukturwandel oder weitreichende politische Veränderungen gingen in der alten Bundesrepublik nie von einem Tag auf den anderen vonstatten.

Deutsche Welle Marcel Fürstenau Kommentarbild ohne Mikrofon (DW )

DW-Redakteur Marcel Fürstenau ist geborener (West-)Berliner

Die Ostdeutschen hingegen erlebten in kürzester Zeit die totale Erosion der von den allermeisten zwar nicht geliebten, aber zwangsläufig prägenden gesellschaftlichen Ordnung. Für den berechtigen Stolz auf die von ihnen ausgelöste friedliche Revolution 1989/90 konnten sich sehr viele nach der deutschen Wiedervereinigung geradezu sinnbildlich nichts kaufen. Diesen Zustand haben die meisten zwar überwunden - aber im statistischen Durchschnitt auf deutlich bescheidenerem Niveau, als es im westlichen Landesteil üblich ist.

Leistung wird zu selten belohnt

Im aktuellen Bericht zum Stand der Deutschen Einheit kann man es nachlesen: Die im Osten tatsächlich gezahlten Löhne liegen auch 28 Jahre nach dem Ende der staatlichen Trennung auf nur 82 Prozent des West-Niveaus. Wer das als Erfolg verkauft, verschließt die Augen vor den Zusammenhängen. Denn weniger Geld für die gleiche Arbeit bedeutet zugleich weiterhin weniger Anerkennung und Respekt.

Das wohlfeile Geschwätz von der Leistung, die sich wieder lohnen müsse, klingt in ostdeutschen Ohren deshalb noch unglaubwürdiger als bei in Westdeutschland Sozialisierten. Die schlechtere Bezahlung, die fehlende Anrechnung von Berufsjahren auf Rentenansprüche und andere Ungerechtigkeiten wirken lebenslang nach. Die Zwei-Klassen-Gesellschaft ist für die heute 50-Jährigen und Älteren in Stein gemeißelt. Das ist und bleibt skandalös.

Merkels Kabinett ist eine fast ostdeutschenfreie Zone

Was aber auf Dauer noch schwerer wiegt als zementierte materielle Benachteiligung, ist die unbestreitbare Dominanz westdeutscher Eliten in fast allen gesellschaftlichen Bereichen. Angela Merkels 16 Ressorts umfassendes Kabinett wäre ohne sie selbst und die 1979 in der DDR geborene Familienministerin Franziska Giffey eine ostdeutschenfreie Zone. Das kann man für Zufall halten. Man kann es aber auch als das benennen, was es ist: ein Symptom für den Zustand der Deutschen Einheit.

Seit der staatlichen Vereinigung ist eine ganze Generation ins Land gegangen und trotzdem geben Westdeutsche weiterhin fast überall den Ton an. Ostdeutsches Führungspersonal ist in Unternehmen, Universitäten oder Medien noch immer extrem unterrepräsentiert - auch die Deutsche Welle bildet da leider keine Ausnahme. Erst wenn dieser Zustand halbwegs überwunden ist, kann und wird das oft nervige, aber eben auch notwendige Vergleichen zwischen Ost und West aufhören. Erst wenn der Tag der Deutschen Einheit keinen Anlass mehr zu einem Kommentar wie diesen bietet, ist die innere Einheit vollendet.   

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