Kommentar: Ein Sieg gegen das Gespenst | Fußball | DW | 27.03.2018
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Fußball

Kommentar: Ein Sieg gegen das Gespenst

Brasilien schlägt Deutschland mit 1:0. Was nach einer simplen Ergebnismeldung klingt, hat in Brasilien weit mehr Bedeutung, meint Joscha Weber. Die Revanche im Testspiel ist Balsam für die brasilianische Seele.

Freundschaftssspiel Deutschland Brasilien Wagner (Reuters/W. Rattay)

Den Weltmeister aufs Kreuz gelegt: Brasilien gewinnt verdient und darf den Blick nach vorne richten.

Dieses Bild hat sich eingebrannt: Ein junger brasilianischer Fan steht auf dem Oberrang des Estádio Mineirão von Belo Horizonte und blickt fassungslos auf das Spielfeld. Sidney heißt er, und an seinen Blick erinnere ich mich bis heute. Die Augen sind leer, starren einfach so auf den Rasen. Und je länger er so dreinschaut, desto glasiger wird sein Blick. Sidney hat Tränen in den Augen. "Es ist eine Demütigung, ich bin so traurig", erzählt er mir. "Ich kann gerade gar nicht beschreiben, was in mir vorgeht. Das ist alles so unglaublich." Dabei steht es zu diesem Zeitpunkt erst 5:0, zwei weitere deutsche Tore treffen in diesem WM Halbfinale 2014 zwischen Brasilien und Deutschland noch tiefer in die Seele der Gastgeber. Wie Sidney leiden Millionen, eine kollektive Depression.

Weber Joscha Kommentarbild App

DW-Sportredakteur Joscha Weber: "Rechtzeitig vor der WM begräbt Brasilien einen Teil der großen Schmach von 2014 unter frischen, positiven Erinnerungen."

Denn Fußball ist in Brasilien weit mehr als ein Spiel. Das 1:7 gegen Deutschland wird zum Symbol des Scheiterns eines ganzen Landes. Denn es markierte erst den Auftakt zu einer ganzen Reihe von Niederschlägen: Korruptionsskandale, Wirtschaftskrise, Regierungskrisen, Gewalt in den Favelas, Stromausfälle, Regenwaldrodungen und öffentliche Kassen kurz vor der Pleite. Was musste dieses Land in den vergangenen Jahren alles durchmachen. Galt Brasilien bis vor kurzem noch als steil aufsteigende Regionalmacht von morgen, ist davon heute nur noch wenig übrig. Auch zwei Sport-Megavents konnten daran nichts ändern: Die WM 2014 hinterließ ein nationales Trauma, die Olympischen Spiele 2016 leere Kassen und ungenutzte Arenen.

Ein Sieg mit Gewicht

Was kann da also ein Fußball-Freundschaftspiel ändern? Eigentlich nichts und zugleich doch einiges: Keine drei Monate vor der nächsten Fußball-Weltmeisterschaft begräbt die brasilianische Nationalelf einen Teil der großen Schmach von 2014 unter neuen, frischen, positiven Erinnerungen. Brasilien schlägt den Weltmeister von 2014 in dessen Hauptstadt verdient mit 1:0. Dass der deutsche Bundestrainer sein Team etwas zu arg durcheinander wirbelte und einige Kapazitäten im DFB-Team gerade an Formschwäche leiden - geschenkt. Es soll diesen brasilianischen Sieg nicht schmälern. Denn er hat Gewicht.

Man sollte die Bedeutung eines solchen Erfolges nicht unterschätzen: "Brasilien schlägt Deutschland und beginnt das Gespenst des 1:7 zu begraben", titelt die brasilianische Tageszeitung "Folha de São Paulo". Mit dem Erfolg beim großen Rivalen gelingt Brasilien eine kleine, aber wirkungsvolle Revanche. Natürlich macht die das WM-Halbfinale nicht ungeschehen, die Heim-WM bleibt in Brasilien trotz lange toller Stimmung und sportlich-fairen Fans in schlechter Erinnerung. Aber der Blick kann nun wieder nach vorne gehen: fußballerisch und vielleicht ja auch im ganzen Land.

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