Kommentar: Ein guter Tag für den Fußball | Kommentare | DW | 02.06.2015
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Kommentare

Kommentar: Ein guter Tag für den Fußball

Blatters plötzlicher Sinneswandel wirft viele Fragen auf. Hauptsache ist aber, dass die FIFA nun endlich die Chance zum tiefgreifenden Wandel hat, meint DW- Sportredakteur Joscha Weber.

Aussitzen. Schweigen. Weglächeln. Das war Joseph S. Blatter bisher. "Krise? Was ist eine Krise?", fragte er einmal, mehr ignorant als rhetorisch, während einer von unzähligen Vertrauenskrisen, die die FIFA in den letzten Jahren durchlebt hat. Der ewige Blatter schien erhaben über jegliche noch so begründete Kritik. Oder sagen wir es anders: Sie hat ihn schlicht nicht interessiert. Bis jetzt.

Er geht. Man kann das Aufatmen, das nun durch die Fußballwelt geht, förmlich hören. Eine Erlösung. Der Mann, der die FIFA über 40 Jahre lang in jeder Hinsicht geprägt hat, will zurücktreten. Ein guter Tag für den Fußball. Drei Gründe dafür:

DW-Sportredakteur Joscha Weber (Foto: DW)

DW-Sportredakteur Joscha Weber meint: "Blatter machte sich zum Komplizen der Korrupten"

Drei gute Gründe für Optimismus

Erstens: Es ist ein guter Tag, weil Blatter die schmutzige Kultur der beinahe schon systemimmanenten Korruption im Fußball-Weltverband zu verantworten hat. Zwar konnte ihm bisher selbst keine Bestechlichkeit nachgewiesen worden, sehr wohl aber Mitwisserschaft: Die Staatsanwaltschaft Zug sah es als erwiesen an, dass Blatter von Schmiergeldzahlungen in Höhe von 142 Millionen Schweizer Franken wusste. Blatter tat nichts gegen die korrupten Machenschaften im eigenen Laden, höchstens ein bisschen Symbolik und Blendwerk. Und so wurden bisher Dutzende hochrangige FIFA-Funktionäre, viele davon enge Vertraute Blatters, der Korruption verdächtigt und überführt. Seine Tatenlosigkeit trotz Mitwisserschaft macht ihn zum Komplizen der Korrupten.

Zweitens: Es ist ein guter Tag, weil die FIFA zumindest ein kleines Stück Glaubwürdigkeit zurückerlangt. Es besteht zumindest die Hoffnung, dass dies das Ende der Lippenbekenntnisse ist. Viel zu oft war die Rede von "Transparenz" - und alles blieb im Dunkeln. Zum Beispiel Blatters Lohn - ein FIFA-Staatsgeheimnis. Oder die Floskel vom "Fairplay": Wie bitte passen dazu Insiderberichte über Umschläge mit Bestechungsgeld, die Blatter 1998 den Weg ins Präsidentenamt ebneten. Und "Verantwortung" übernahm Blatter auch im jüngsten Korruptionsskandal nur verbal - eine hohle Phrase, bis jetzt.

Nun ist die UEFA gefragt

Drittens: Es ist ein guter Tag, weil der Weg für einen Neuanfang nun frei ist. Die FIFA kann sich neu erfinden, alte Spielregeln über Bord werfen, korruptes Personal vor die Tür setzen. Ja, Blatter hätte schon früher zurücktreten müssen. Sein Wahlsieg beschädigte seine Konkurrenz und verschaffte ihm einen letzten Triumph - so steigt er als unbesiegter Champion aus dem Ring. Und doch gilt es nun das Positive zu sehen: Die geschlagene Opposition um die so blamabel uneinigen Europäer kann sich neu formieren. Sie kann, sie muss nun Verantwortung übernehmen und zeigen, wie eine bessere FIFA aussehen kann. Zum Beispiel, indem sie ehrlich anerkennt, was die FIFA ist: Kein kleiner gemeinnütziger Verein nach Schweizer Recht, sondern ein profitorientierter Konzern. Ehrlichkeit - da wäre doch schon mal ein Anfang.

Zugegeben: In diesen Zeilen steckt viel Hoffnung. Ob, Blatters Rücktritt wirklich der Beginn einer FIFA-Revolution ist, bleibt abzuwarten. Die Chance ist jedenfalls da. Nun braucht es jemanden, der sie ergreift.

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