Kommentar: Ein Antisemit im Kanzleramt? | Kommentare | DW | 09.04.2019
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Nationalsozialismus

Kommentar: Ein Antisemit im Kanzleramt?

Er war Nazi-Freund und Judenhasser - das haben Forscher über den Maler Emil Nolde herausgefunden. Trotzdem hingen seine Bilder bis zuletzt im Amtszimmer der Kanzlerin. Warum eigentlich, fragt sich Stefan Dege.

Bundeskanzlerin Merkel besucht Nolde-Stiftung (picture-alliance/ dpa)

Angela Merkel schätzte bisher die Kunst des Malers Emil Nolde - hier vor dem Bild "Meer I"

Das Kanzleramt hätte es wissen können: Schon 2013 legten der Historiker Bernhard Fulda und die Kunsthistorikerin Aya Soikaerste Forschungsergebnisse vor, die in eine große Nolde-Ausstellung des Frankfurter Städel-Museums mündeten. Tenor: Der Künstler hat seine Biographie geschönt. Seine Werke wurden zwar von den Nazis als "entartet" diffamiert. Doch Nolde blieb trotzdem ein glühender Anhänger des Nationalsozialismus, diente sich den Nazi-Oberen als Staatskünstler an und entwarf einen eigenen "Entjudungsplan". All das zeigt ab Freitag eine spektakuläre Nolde-Schau in Berlin.

Mangelndes Fingerspitzengefühl

Der Mythos Nolde wankt - und das schon seit geraumer Zeit. Merkel und ihr Kanzleramt müssen sich mangelndes Fingerspitzengefühl und schlechtes Timing vorwerfen lassen. Denn erst auf die Leihanfrage eines Museums hin hängten sie Noldes Bilder - kommentarlos - ab. Offizielle Fotos aus dem Machtzentrum der Republik aus jüngerer Zeit zeigen die deutsche Regierungschefin noch im Gespräch mit dem damaligen US-Außenminister John Kerry - vor Noldes Gemälde "Brecher" aus dem Jahr 1936.

Dege Stefan Kommentarbild App

DW-Kulturredakteur Stefan Dege

Kann ein Künstler wie Emil Nolde das Deutschland des Jahres 2019 repräsentieren? Welche Kunst darf an einem Ort hängen, an dem Staatenlenker aus aller Welt vorbeischauen? Wohl kaum geht es bei Nolde um die Abkehr von einem politisch missliebigen Künstler - der Fall ist vielschichtiger. Doch das sind Fragen, die einer gesellschaftlichen Debatte bedürfen. Zu klären wäre übrigens auch, wer über die Auswahl von Kunst in staatlichen Repräsentationsräumen bestimmt: Museumsexperten? Bürokraten? Das Parlament? Die jeweiligen Amtsinhaber?

Der Fall Nolde kommt in einem kulturpolitisch heiklen Moment: In Berlin entsteht mit dem Humboldtforum ein Weltenmuseum, ein Prestigeprojekt von Kulturstaatsministerin Monika Grütters. Zugleich wird Deutschland von seiner Kolonialgeschichte eingeholt. Und auch die Nazi-Vergangenheit ist, wie Nolde zeigt, längst nicht abgehakt. Auch jeder neue Raubkunstfall zeigt, wie wichtig Provenzienforschung wäre. Diese verbindlich und flächendeckend zu etablieren, fehlt es mal an Entschlossenheit, mal am Geld. Die Museen sind vielerorts auf sich allein gestellt.

Lassen sich Kunst und Gesinnung des Künstlers trennen?

Emil Nolde mag Nazi-Anhänger und Antisemit gewesen sein. Doch was heißt das für seine Kunst? Die darf man weiter schön finden - die leuchtenden Marsch- und Meerlandschaften unter wildem Sturmhimmel ebenso, wie die biblischen Szenen und erst recht seine verzückend farbenprächtigen Blumenaquarelle. Aber im Amtszimmer der deutschen Bundeskanzlerin?

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