Kommentar: Donald Trump in der Krise | Kommentare | DW | 04.07.2020
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Vereinigte Staaten

Kommentar: Donald Trump in der Krise

Zum Independence Day haben die Corona-Infektionszahlen in den USA einen neuen Höchststand erreicht. Die Unzufriedenheit mit dem Präsidenten wächst, aber ein Vorentscheid für die Wahl ist das nicht, meint Oliver Sallet.

Wo soll man anfangen? Von der Leuchtkraft der einstigen Führungsnation der freien Welt ist derzeit nicht mehr viel übrig. Die Pressefreiheit angeschlagen. Die Demokratie unter Druck. Eine Pandemie, die besser in den Griff zu bekommen wäre, wenn man nur wollte. Dazu landesweite Unruhen nach dem Tod eines Schwarzen durch Polizeigewalt. Und ein Präsident, der hetzt und aufstachelt, anstatt zu versöhnen und zu einen.

Donald Trumps Umfragewerte sind im Keller, und er hat das auch verdient. Denn die Verantwortung dafür trägt allein er. Es ist das erste Mal in Trumps Präsidentschaft, dass er aufgrund seiner erratischen Politik wirklich Schaden nimmt. Und dennoch: Donald Trump ist ein politischer Überlebenskünstler, die Wahl am 3. November deswegen noch längst nicht gelaufen.

Joe Biden ist nicht Hillary Clinton

Bei rund 40 Prozent Zuspruch sehen ihn die meisten Meinungsforscher derzeit. Dieser seit Beginn seiner Amtszeit unbeliebte Präsident ist noch unbeliebter als je zuvor. Doch Vorsicht: Auch im Vergleich mit Hillary Clinton hing Trump stets deutlich hinterher. Am Ende genügte eine Verschwörungstheorie um Clintons Email-Affäre, um das Blatt zu wenden.

DW Nachrichten TV Oliver Sallet (DW)

Oliver Sallet ist DW-Korrespondent in Washington

Klar ist: 2016 ist nicht 2020 und Donald Trumps Gegner heißt dieses Mal nicht Hillary Clinton, sondern Joe Biden. Und der gilt der breiten Masse der Wählerinnen und Wähler als vermittelbarer, als die bei vielen geradezu verhasste Ex-Senatorin aus New York. Aber auch Biden hat große Probleme im Gepäck: Sein größter Gegner ist er selbst.

Im laufenden Wahlkampf gewann er vor allem damit Zuspruch, nichts zu tun - getreu dem Motto: Ich störe Donald Trump am besten nicht bei seiner Selbstdemontage. Wochenlang hat man fast nichts von Joe Biden gesehen, außer einiger Videobotschaften aus dem heimischen Keller im US-Bundesstaat Delaware.

Ist Biden der Aufgabe gewachsen?

Doch je näher der Wahltag kommt, desto mehr steigt der Druck auf den 78-Jährigen, endlich aus dem Keller zurück ans Tageslicht zu kommen. Die Pandemie war zwar ein guter Vorwand unterzutauchen, doch in den kommenden Wochen wird dieser passive Wahlkampfstil nicht mehr ausreichen. Und mit den Wahlkampfterminen auf großer Bühne werden dann auch Joe Bidens peinliche Aussetzer zurückkehren, die auch Wohlgesinnten regelmäßig ein Gefühl zwischen Mitleid und Fremdschämen vermitteln.

Wie hieß noch mal der Präsident, unter dem Joe Biden Vizepräsident war? Sind die meisten Vorwahlen in den USA am Super Thursday oder Tuesday? Wenn Joe Biden rund um solche Fragen ins Straucheln kommt, wirkt er im besten Falle fahrig, im schlechtesten senil und so, als wäre er der Aufgabe nicht mehr gewachsen.

Trumps Trumpf: die TV-Duelle

Und dann sind da noch die Frauen, die ihm aufdringliches Verhalten vorwerfen - in einem Fall sogar sexuelle Nötigung. Ist er wirklich der beste Kandidat, den die Demokraten zu bieten haben? Hat er wirklich die moralische Überlegenheit, um Donald Trump eines Besseren zu belehren?

Trumps Wahlkampfmaschine läuft sich schon jetzt warm mit TV- und Social-Media-Werbung in den wichtigen Swing-States. Und auf eine Art von Terminen wird sich der Amtsinhaber Trump besonders freuen: die TV-Duelle, in denen er vor vier Jahren schon die wortgewandte Hillary Clinton in Bedrängnis bringen konnte. Kaum vorzustellen, wie Joe Biden gegen Donald Trump auf dieser Bühne bestehen soll.

Donald Trump mag in die Defensive geraten sein. Verloren hat er die Wahl noch lange nicht.

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