Kommentar: Die USA müssen sich endlich dem Rassismus stellen | Kommentare | DW | 01.06.2020
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Rassistische Polizeigewalt

Kommentar: Die USA müssen sich endlich dem Rassismus stellen

Der Fall Floyd hat es erneut gezeigt. Die Benachteiligung von Afroamerikanern ist in der US-Gesellschaft tief verankert. Das weiße Amerika muss das ändern und endlich für Gerechtigkeit sorgen, meint Jenipher Gonzalez.

Die Bilder sind erschreckend, aber nicht überraschend: brennende Polizeiautos, zerstörte Geschäfte, Polizeibeamte, die Zivilisten zu Boden zwingen und Demonstranten, die trotzdem unaufhaltsam weitermarschieren.

Das Video, das einen Afroamerikaner zeigt, wie er unter dem Gewicht eines auf ihm knienden weißen Polizeibeamten um sein Leben ringt, ist grauenhaft und schockierend - neu sind solche Bilder aber für die USA nicht. Sie erinnern an die Proteste in Ferguson, Missouri, im Jahr 2014. Oder auch an Los Angeles 1992, wo die Gewalt an Rodney King Unruhen auslöste. Die aktuellen Bilder erinnern auch an Polizeigewalt und Lynchmorde während der Bürgerrechtsbewegung. Die USA haben das alles schon so oft gesehen.

Die Massenproteste erfassen die Nation in einer Krisenzeit. Die Corona-Pandemie hat dort mehr als 100.000 Menschen das Leben gekostet - über 30 Millionen Amerikaner sind in der Folge arbeitslos geworden. Das Land ist zerrissen von den Lohn- und Einkommensunterschieden und von der politischen Polarisierung, die unter US-Präsident Donald Trump einen neuen Höhepunkt erreich hat, Es fühlt sich so an, als hätten die USA eine Grenze erreicht. Die Zukunft des Landes erscheint unsicher und trostlos.

Rassismus macht keine Pause

Während die USA wegen der Coronakrise den Lockdown begannen, verschwanden die meisten Zeichen eines normalen Alltags. Was nicht verschwunden ist, waren die fundamentalen und strukturellen Probleme im Land. Eines davon ist der im System verankerte Rassismus, für den es auch in den vergangenen Monaten zahlreiche Beispiele gab.

Im Februar zeigte ein im Internet publiziertes Video einen jungen schwarzen Mann in Georgia, Ahmaud Arbery, der beim Joggen von zwei weißen Zivilisten erschossen wurde. Ein anderes Video zeigte eine weiße Frau im New Yorker Central Park, die einem schwarzen Mann mit der Polizei droht und dann beim Anruf der Polizei kalkulierend erwähnt, dass es sich bei dem "Angreifer" um einen Afroamerikaner handelt. Allerdings hatte der Mann sie gar nicht angegriffen. Er war lediglich zum Vögel beobachten in den Park gekommen und hatte die Frau gebeten, die Parkregeln einzuhalten und ihren freilaufenden Hund anzuleinen.

Eine weitere Folge des systematischen Rassismus ist die Tatsache, dass die COVID-19-Todesrate der People of Colour proportional höher ist als die von weißen US-Amerikanern. Aber: Weiße Demonstranten protestierten in mehreren US-Bundesstaaten gegen den Lockdown, besetzten regionale Regierungssitze, brüllten Polizisten an, schüchterten sie ein und bespuckten sie sogar - und wurden von den Sicherheitskräften mit Samthandschuhen angepackt.

Polarisierung blockiert Fortschritt

Die "Black Lives Matter"-Bewegung entstand 2013 als Reaktion auf die verbreitete Gewalt gegen Afroamerikaner und People of Color. "Schwarze Leben zählen" ist ihr Motto. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten: Andere Gruppen machten den Slogan "All Lives Matter" ("Alle Leben zählen") populär. Ihre Botschaft: Die USA hätten den Rassismus längst überwunden und Hautfarbe spiele keine Rolle mehr. "Blue Lives Matter" ("Blaue Leben zählen") nutzen diejenigen, die Polizisten als Helden sehen und glauben, dass die Kritik an Sicherheitsbeamten für den Einsatz von Gewalt unberechtigt ist

Deutschland DW Journalistin Jenipher Camino Gonzalez (DW/Ö. Artunç)

DW-Redakteurin Jenipher Gonzalez

Nicht überraschend ist, dass die zwei letztgenannten Slogans hauptsächlich von eher konservativen weißen US-Amerikanern verbreitet werden. Umfragen zeigen immer wieder, dass die Kernwählerschaft der Republikaner, Weiße und Senioren, der Polizei mehr vertraut als andere Gruppen. Nur eine Minderheit von Hispanoamerikanern, Afroamerikanern, jungen Menschen und Demokraten teilen dieses Vertrauen.

Die Spaltung des Landes nach Demographie, Hautfarbe und Herkunft hat 2020 einen neuen Höhepunkt erreicht. Opportunistische Politiker wie Donald Trump sorgen dafür, dass dies so bleibt. Seine Wahl ist ein direktes Ergebnis der Polarisierung und der Kulturkriege. Jeglicher Fortschritt wird durch die starren gegensätzlichen Positionen verhindert und machen Amerika weiter anfällig für Krawalle und Gewalt auf den Straßen.

Die Gleichgültigkeit muss ein Ende haben

Statistiken zeigen es, Studien erklären es und Videos wie das von George Floyd veranschaulichen es: Afroamerikaner werden überproportional von der Polizei ins Visier genommen. Und doch können und wollen viele weiße US-Amerikaner nicht zugeben, dass das Justizsystem und die Polizei sie selbst schützen und sie davon profitieren. Es fällt auch schwer zu erkennen, dass Rassismus tief in der Gesellschaft verwurzelt ist und staatliche Strukturen dringend reformiert werden müssen, um allen Bürgern gleichermaßen zu dienen.

Der einzige Grund, warum diese Reformen und eine Aussöhnung bislang nicht stattgefunden haben, ist die Unfähigkeit des weißen Amerikas sich mit den eigenen Privilegien auseinanderzusetzen und Mitgefühl für Minderheiten zu zeigen. Aber sie werden gebraucht für eine Lösung. Minderheiten in den USA können nicht allein ein System ändern, das sie benachteiligt. Blickt man zurück in die Geschichte, konnten Schwarze in den USA immer nur weitreichende Veränderungen durchringen, wenn sie die Unterstützung von weißen Mitbürgern hatten.

Die Gleichgültigkeit weißer US-Amerikaner muss aufhören. Aber ist das möglich, in einer Zeit, in der sich Menschen immer weiter voneinander abgrenzen? Die Herausforderung war noch nie so groß, und es war noch nie so dringend, sich ihr zu stellen.

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version dieses Kommentars stand fälschlicherweise, Michael Brown sei 2015 getötet worden und die Bewegung "Black Lives Matter" habe sich im selben Jahr gegründet.

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