Kommentar: Die NATO und der nervige Onkel Donald | Kommentare | DW | 12.07.2018
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NATO-Gipfel

Kommentar: Die NATO und der nervige Onkel Donald

Was der US-Präsident beim NATO-Gipfel veranstaltet hat, schadet allen - aber vor allem ihm selbst. Im Ausland, Zuhause und was das Erreichen seiner Ziele angeht, meint Max Hofmann.

Viele kennen ihn: den nervige Onkel, der bei allen Familienfesten auftaucht und dort den ganzen Tag den immer gleichen Blödsinn erzählt. Er gehört zwar irgendwie dazu, aber niemand nimmt ihn mehr richtig Ernst. Solche Onkel haben allerdings auch nicht das Kommando über das größte Kernwaffen-Arsenal und die schlagkräftigste Armee der Welt. Die NATO-Staaten können es sich also nicht ganz so einfach machen.

Trotzdem steht Donald Trump kurz davor, bei seinen NATO-Partnern in eine ähnlich Kategorie wie der nervige Onkel zu fallen. Wie soll ihn zum Beispiel Deutschland noch ernst nehmen, wenn er sich morgens über den Kauf von Erdgas in Russland aufregt, am Nachmittag behauptet, die beiden Länder hätten eine "sehr, sehr gute Beziehung" und dann über Nacht erneut einen boshaften Tweet in die Welt setzt, nur um bei der abschließenden Pressekonferenz Deutschland wieder zu loben. Das ist Zuckerbrot und Peitsche auf Speed.

Immer in die gleiche Kerbe

Außerdem erzählt der US-Präsident tatsächlich fast immer das Gleiche. Er entdeckt zwar neue Facetten, aber bei der NATO geht es ihm eigentlich nur ums Geld. Die anderen Alliierten sollen endlich ordentlich zahlen, sonst... Ja, sonst was eigentlich? Das will er auch nicht so richtig sagen, aber der Rubel, sorry, Dollar soll nun endlich rollen. Völlig egal, dass alle bereits 2014, also vor seiner Zeit als Präsident, damit angefangen haben, ihre Verteidigungsausgaben zum Teil signifikant zu erhöhen. Blindwütig schlägt Trump immer wieder in die gleiche Kerbe. Regierungschefs wie Angela Merkel bleibt nur, zu signalisieren: Wir haben das schon längst kapiert (und machen auch was).

Hofmann Max Kommentarbild

Max Hofmann leitet das DW-Studio in Brüssel

Ganz zu schweigen von den Unwahrheiten, die er über seine erfundenen Heldentaten und jene der USA erzählt: Der finanzielle Beitrag der USA zur NATO betrage 90 Prozent. 90 Prozent von was denn? Vom NATO-Budget? Da liegt der US-Anteil knapp über 20 Prozent und selbst beim besten Willen findet sich keine Kategorie, in der die USA allein 90 Prozent der Lasten tragen. Wer will diesem Uncle Sam vor diesem Hintergrund überhaupt noch zuhören? Richtig: so gut wie niemand. Und genau das beginnt in der NATO gerade.

Trumps Hand ist überreizt

Trump nutzt sich ab. Angesichts seiner immer gleichen Botschaft werden die anderen NATO-Partner schon bald nur noch abwinken. Ganz nach dem Motto: Wir tun was wir können; wenn das nicht reicht, dann geh' eben. Das wäre zwar das Ende dieser Allianz, aber Kanada und die Europäer werden sich von Trump nicht endlos erpressen lassen. Damit hätte der US-Präsident seine Hand überreizt - sein größtes Druckmittel wäre wirkungslos.

Auch zuhause tut sich Donald Trump vermutlich keinen Gefallen mit den angedeuteten Drohungen, die USA könnten ihr eigenes Ding machen. Denn selbst bei seinen Kernwählern gelten Länder wie Deutschland und Großbritannien als enge Verbündete. Die NATO mal eben so in Frage stellen, dürfte vielen von ihnen aufstoßen. Deshalb spricht Trump auch nie über die militärische Sinnhaftigkeit des Bündnisses - ihm geht es nur um den  geschäftlichen Teil. Da glaubt er sich auszukennen. Und der Aufschrei wegen "unfairer" Behandlung verfängt bei vielen seiner Wähler.

Die Rechnung werden die USA zahlen

Der US-Präsident hat nur eine Waffe im Arsenal: die ganz große Keule. Sie hat vielleicht geholfen, die NATO-Partner auf Trab zu bringen und dem Ziel steigender Militärausgaben eine gewisse Dringlichkeit zu verleihen. Aber für die Zukunft ist sie komplett ungeeignet. Sie zerschlägt nur noch das, was er (vielleicht) mit angestoßen hat. Und die Bündnispartner werden das nicht vergessen. Wenn sie in einigen Jahren vielleicht tatsächlich auf eigenen militärischen Beinen stehen können, werden sie sich daran erinnern. Dann werden die USA (vielleicht schon wieder ohne diesen Präsidenten) die Rechnung für das von Trump verspielte Ansehen serviert bekommen.

Selbst wenn einige Amerikaner dem Präsidenten auf seiner Zerstörungstour hohlköpfig zujubeln: Im Interesse des Landes kann es nicht sein, was Trump auf dem NATO-Gipfel in Brüssel angezettelt hat. Eine Mehrheit der US-Bürger wird hoffentlich registrieren, dass spätestens jetzt niemand mehr ihrem Präsidenten glaubt oder vertraut. Irgendwann in naher Zukunft wird ihm auch niemand mehr zuhören. Ganz wie dem nervigen Onkel auf dem Familienfest.

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