Kommentar: Die Millennials - eine verkannte Generation | Kommentare | DW | 05.03.2019
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Generationen-Konflikt

Kommentar: Die Millennials - eine verkannte Generation

Das vorherrschende Bild der Generation der zwischen 1980 und 2000 Geborenen ist völlig falsch. Diese jungen Leute haben Kämpfen gelernt und deshalb sollte man ihnen unbedingt zuhören, meint Cristina Burack.

Spielen wir ein Spiel: Welche Wörter verbinden Sie mit dem Begriff "Millennial"? Hipster? Verwöhnt? Egozentrisch? Junge Leute, die darüber jammern, nicht ernst genommen zu werden, während sie einen schicken Avocado-Toast auf Instagram inszenieren?      

Dabei verbindet sich der Begriff "Millennials" viel eher mit erdrückenden Schulden, Emigration aus ökonomischen Gründen und einem unermüdlichen Arbeitsdrang. Klingt nicht ganz zutreffend, finden Sie? Das liegt vielleicht daran, dass die Lebensrealität der Milliennials eine ganz andere ist, als sie oft dargestellt wurde. Und genau diese Darstellung verhöhnt ihre Probleme und erkennt ihre Resilienz und ihren Optimismus nicht an.

Die Generation der Millenials

Eine Klarstellung vorab: Ich gehöre selbst zur Millennial-Generation, zu der Menschen gezählt werden, die zwischen den frühen 1980er- und späten 1990er-Jahren geborenen wurden. Doch der Ausgangspunkt meiner Beobachtungen ist nicht persönliche Empörung, sondern vielmehr die pointierte Bemerkung eines Mitglieds der paneuropäischen politischen Bewegung "Volt Europa". 

Vor nicht allzu langer Zeit habe ich an einem Rundtable-Gespräch von Volt Deutschland in Bonn teilgenommen, um über die Partei zu berichten, über die die Zeitschrift "Politico" schrieb: "Sie wird von pro-europäischen Politik-Strebern aus der Generation der Millennials vorangebracht". Meinten die Politico-Redakteure das ironisch oder versuchten sie ernsthaft, auf diese Weise eine Partei zu beschreiben, die 2017 von drei Europäern in ihren späten Zwanzigern gegründet wurde? Als ich die Studenten und jungen Berufstätigen beim Volt-Treffen nach genau diesem Etikett fragte, regten sich einige auf, darunter der Finanzmanager der Gruppe, selber ein junger Millennial: "Die Menschen klagen darüber, dass wir uns nicht politisch engagieren. Wenn wir es dann doch tun, bekommen wir direkt solche Stempel." Das liegt daran, dass in den meisten Beschreibungen der Millennial-Generation eine gewisse Missachtung mitschwingt. 

Wenn man von den Altersgenossen nichts wissen will

Interessanterweise neigen Millennials oft dazu, gar nicht mit ihrer Generation identifiziert werden zu wollen - öfter zumindest als frühere Generationen. Vermutlich auch wegen der negativen Konnotationen dieses Stempels. Es wird weiter behauptet, Millennials würden gar nicht wählen - obwohl die Wahlbeteiligung dieser Generation in den USA 2016 höher war als 2012. Und ihnen wurde zu Unrecht die Schuld in die Schuhe geschoben für das Ergebnis des Brexit-Referendums, weil sie ja nicht wählen gegangen seien. Es heißt, sie scheiterten an Beziehungen im echten Leben, weil sie von sozialen Medien abhängig seien, und sie drückten sich vor Arbeit, um im nächsten hippen Cafe Geld für überteuerten Latte zu verschwenden, statt für ihre Zukunft zu sparen.

Kommentatorenfoto Cristina Burack (Bilal El Soussi)

DW-Redakteurin Cristina Burack

Fakt ist aber, dass Millennials allein wegen des Zufalls ihrer Geburtsjahre mit sehr harten Rahmenbedingungen zurechtkommen müssen.  Die globale Finanzkrise hat sie mit voller Wucht getroffen, ihren Eintritt in das Arbeitsleben behindert und sie zurückgeworfen bei den normalen Meilensteinen des Lebens. Entgegen der gängigen Behauptungen sind sie nicht "digital natives", sondern haben den Aufstieg der Internet-Technologie miterlebt und auch deren destruktive Folgen direkt zu spüren bekommen.

Dass Millennials es schwer haben, kommt nur sehr langsam im öffentlichen Bewusstsein an. Und bis anerkannt wird, dass sie in Wirklichkeit sehr fleißig sind, dauert es vermutlich noch länger. Der Glaube, dass man im Leben durch harte Arbeit vorankommt, ist tief in ihrer Psyche verankert - oft dank ihrer Eltern aus der Generation der "Baby Boomer", die genau das erlebt haben. Doch Millennials kommen oft trotz harter Arbeit nicht voran - und dann arbeiten sie eben noch härter, nur um sich über Wasser zu halten. 

Eigentlich müssten sie Populisten sein

In den USA versuchen viele von ihnen, trotz erdrückender Studienschulden und stagnierender Löhne irgendwie zurechtzukommen. In Italien ist vor allem diese Generation von den massiven Kürzungen der öffentlichen Ausgaben betroffen. Viele junge Menschen müssen ins Ausland gehen, um eine Arbeit zu finden. In Deutschland stecken viele Millennials zwischen verschiedenen Minijobs fest, von denen sie kaum leben können. Der Trend geht in Richtung "Gig Economy" und befristete Verträge, ohne finanzielle Sicherheit. Wenn ökonomische Unsicherheit zu mehr Populismus führt, müsste sich die EU theoretisch vor einer Flutwelle der Millennials bei den Europawahlen im Mai fürchten.

Doch gerade wenn es um nationale Identitäten geht, sind Millennials offener als die Generationen vor ihnen. Das sieht man auch an der paneuropäischen Bewegung Volt. Sie ist zwar noch klein, zieht aber Unterstützer aller Altersgruppen an, welche die Offenheit der Millennials und deren Wunsch nach einer sozial und wirtschaftlich faireren EU teilen. Diese Ziele sind von den Erfahrungen der Millennials geprägt. Es sind hoffnungsvolle Antworten auf die besonderen Herausforderungen dieser Generation. Höchste Zeit also, diesen jungen Menschen wirklich zuzuhören. Sie haben ganz andere Probleme als die Suche nach dem nächsten "Avocado Toast".

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