Kommentar: Die Lehre aus Weimar | Kommentare | DW | 07.02.2019
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Deutsche Geschichte

Kommentar: Die Lehre aus Weimar

An historischer Stätte, im Nationaltheater von Weimar, wurde der dort erarbeiteten Verfassung von 1919 gedacht. Gibt es da etwas zu feiern? Ja, durchaus, aber entscheidend ist etwas anderes, meint Felix Steiner.

Der Begriff "Weimar" hat in der deutschen Politik und Publizistik einen mehr als schlechten Klang. Wer von "Weimarer Verhältnissen" spricht, meint Instabilität. Regierungen, die nach kürzester Zeit wieder zerbrechen. Ein Parlament, das unfähig ist, Mehrheiten zu bilden. Putschversuche, politische Morde und brutale Straßenkämpfe mit mehreren Tausend Toten. Und am Ende das Abgleiten in die nationalsozialistische Diktatur. "Weimar" - das ist für die meisten Deutschen vor allem ein Synonym für das Scheitern der ersten Demokratie im Land nach nur 14 Jahren.

Dieses "Weimar", dessen Bild über Jahrzehnte so geprägt wurde, lohnte ganz bestimmt nicht der feierlichen Würdigung durch die versammelte Spitze von Staat und Gesellschaft. Aber aus der Distanz von 100 Jahren wird ja mancher Blick klarer. Die Verfassung, welche die erstmals am 6. Februar 1919 zusammengetretene Nationalversammlung erarbeitet hat, war jedenfalls nicht die entscheidende oder gar alleinige Ursache für dieses tragische Scheitern.

Demokratie ohne Demokraten

Die erste deutsche Republik stand vom ersten Tag an auf extrem wackligem Fundament: Während die einen dem im November 1918 untergegangenen Kaiserreich nachtrauerten, gingen der Gegenseite des politischen Spektrums die Veränderungen nach der abgewürgten Revolution nicht weit genug. Autoritäre Restauration versus sozialistische Revolution und Räterepublik nach russischem Vorbild - von rechts begegnete man der Republik genauso feindlich wie von links. "Demokratie ohne Demokraten" wird die Weimarer Republik deswegen oft genannt.

Steiner Felix Kommentarbild App

DW-Redakteur Felix Steiner

Hinzu kamen massive ökonomische Probleme: Millionen Deutsche hungerten noch, als in Weimar die Nationalversammlung zu tagen begann. Wenige Monate später musste sie dann nach einem Ultimatum der Alliierten dem Versailler Diktatfrieden mit einem Verlust von knapp 15 Prozent des Staatsgebietes und gigantischen Reparationslasten zustimmen. So blieben wirtschaftliche Probleme eines der entscheidenden Kennzeichen der 1920er-Jahre - von der Hyperinflation 1923 bis zur 1929 beginnenden Weltwirtschaftskrise. Wären die Bundesrepublik und ihr Grundgesetz auch ohne das Wirtschaftswunder der 1950er-Jahre eine derartige Erfolgsgeschichte geworden? Zweifel sind mehr als angebracht.

Ja, die Weimarer Verfassung hat dem Reichspräsidenten zu viel Macht eingeräumt. Was vor allem zum Problem wurde, als der bekennende Anti-Demokrat Hindenburg ins Amt gewählt wurde. Die Möglichkeit, Gesetze zu erlassen und Regierungen zu ernennen, die keine parlamentarische Mehrheit haben - heute für uns unvorstellbar. Aber: Hindenburg wurde von den Deutschen gewählt - sogar zweimal. Und untergegangen ist die Weimarer Republik nicht erst am 30. Januar 1933 mit der Ernennung von Adolf Hitler zum Reichskanzler. Nein, untergegangen ist diese Republik bereits mit der Reichstagswahl genau ein halbes Jahr zuvor, als nämlich 52 Prozent der Deutschen für offen antidemokratische Parteien - Nationalsozialisten und Kommunisten - stimmten.

Erstmals Grundrechte

All das war keine zwangsläufige Entwicklung. Auf der Basis der in Weimar erarbeiteten Verfassung hätte die Geschichte auch einen ganz anderen Verlauf nehmen können. Denn in vielen Bereichen war das Dokument für die damalige Zeit hochmodern und geradezu revolutionär. Grundrechte! Soziale Rechte! Direkte Demokratie! Nicht einmal die vollen politischen Rechte für Frauen waren damals in Europa selbstverständlich. Daran lohnt es sich nach 100 Jahren zu erinnern. Das kann und darf man feiern!

Die entscheidende Lehre 100 Jahre nach Weimar lautet jedoch: Die schönste demokratische Verfassung nutzt nichts, wenn die Bürger ihre Demokratie gar nicht wollen und sie nicht verteidigen. Dann hilft nicht einmal das Recht zum Widerstand, welches das Grundgesetz von 1949 - als Lehre aus "Weimar"! - allen Deutschen gegenüber Antidemokraten einräumt.

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