Kommentar: Die CDU im Vormerz | Kommentare | DW | 01.11.2018
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Merkel-Nachfolge

Kommentar: Die CDU im Vormerz

Seit Angela Merkel ihren Rückzug vom Amt der Parteichefin angekündigt hat, dreht sich bei der CDU das Kandidatenkarussell. Wirklich erfolgversprechend ist dabei ein einziger Bewerber, meint Felix Steiner.

Der Mann ist das blanke Gegenteil von Angela Merkel. Wo sie ausgleicht und vermittelt, spitzt er zu und polarisiert gerne. Wo sie das Publikum mit gepflegter Langeweile und ihren beschränkten rhetorischen Fähigkeiten sediert, kann er einen Saal zum Kochen bringen. Sie steht für die Sozialdemokratisierung der CDU. Mit ihm verbindet man ein klares, konservatives Profil. Genau deshalb ist die Sehnsucht nach Friedrich Merz, dem verlorenen Sohn der CDU, unter den Anhängern der Partei so groß.

In der veröffentlichten Meinung der deutschen Medien wurden hingegen Angela Merkel nach ihrer überraschenden Rückzugsankündigung noch hymnisch Kränze gewunden: so ganz anders als bei allen ihren Vorgängern verlaufe dieser Abschied, so selbstbestimmt, so würdevoll. Und als Kanzlerin möge sie dem Land doch bitte bis zum maximalen Ende der Legislaturperiode im Herbst 2021 erhalten bleiben.

Wer nicht CDU wählt, liebt Merkel

Ja, so mag man das sehen in Kreisen, in denen noch nie CDU gewählt wurde und das auch absehbar nicht geschehen wird - ganz gleich, wen die Partei nun zum neuen Vorsitzenden macht. In der Partei selbst ist die Sichtweise jedoch eine ganz andere: Mit ihrem "selbstbestimmten" Rückzug ist Merkel lediglich einem Putsch zuvorgekommen. Was auch logisch und verständlich ist, seit man bei jedem Urnengang rund ein Viertel der Wähler verliert. Die SPD mag so etwas ertragen. Die CDU nicht!

Steiner Felix Kommentarbild App

DW-Redakteur Felix Steiner

Und dass innerhalb von wenigen Stunden gleich drei prominente Bewerbungen auf dem Tisch lagen, zeigt: Gar nichts ist anders als sonst. Hätte die CDU-Chefin frühzeitig einen allseits akzeptierten Nachfolger aufgebaut, wäre das Rennen schon lange vor seinem Anpfiff gelaufen. Ist es aber nicht, und das macht die Sache so spannend. Weil in der CDU nämlich gilt: Wer an der Spitze der Partei steht, ist der natürliche Anwärter auf das Kanzleramt.

Vor diesem Hintergrund betritt Friedrich Merz die Bühne: Der Mann, der nach neun Jahren Abstinenz in die Politik zurückkehren will. Um die Frau zu beerben, die ihn damals ins Abseits gedrängt hat. Rache als Motiv? Mag sein. Aber deswegen allein würden ihm die Herzen der Parteibasis nicht zufliegen. In der Zwischenzeit hat er als Wirtschaftsanwalt und vielfacher Aufsichtsrat vermutlich Millionen verdient. Und reichlich Erfahrungen gesammelt dort, wo das Geld verdient wird, das die Politik so gerne ausgibt. Er sollte also eine Menge zu sagen haben zum Thema, das die jetzige Regierung so sträflich vernachlässigt: wie der Wohlstand Deutschlands dank seiner Wirtschaftskraft auch in den nächsten Dekaden gesichert werden kann.

Friedrich Merz - das disruptive Element?

Ist er deswegen schon das disruptive Element, das die etablierte Politik aufmischt - ähnlich Donald Trump in den USA, Emmanuel Macron in Frankreich oder Sebastian Kurz in Österreich? Wohl eher nicht, denn viel von seinem Ansehen beruht auf Erinnerung an frühere Zeiten: Sein Vorschlag der jährlichen Steuererklärung auf einem Bierdeckel ist unvergessen. Wer wünscht ihn nicht, den einfachen Staat? Und lange vor der Migrationskrise des Jahres 2015 sinnierte er über eine deutsche Leitkultur, der alle Zuwanderer zu folgen hätten.

Aber allein diese beiden Beispiele machen deutlich: Friedrich Merz könnte der CDU wesentliche Elemente ihres Markenkerns zurückgeben, die viele nach 18 Jahren Angela Merkel so schmerzlich vermissen - Heimat, Nation und Freiheit von zu viel Staat.

Es ist deswegen kein Zufall, dass ein möglicher CDU-Chef Merz vor allem in der AfD gefürchtet wird. Denn während eine Parteichefin Annegret Kramp-Karrenbauer vor allem die Fortsetzung des Merkel-Kurses unter anderem Namen wäre, bestünde mit Merz die realistische Aussicht, verlorene Wähler von den Rechtspopulisten zurückzugewinnen.

Ein CDU-Chef, der auch der SPD nutzen könnte

Und auch die SPD dürfte sich über Merz freuen: Das Zerrbild des geldgierigen BlackRock-Managers, der über die Interessen der kleinen Leute hinweggeht - was könnte ein schöneres Wahlkampfmotiv für die darbenden Sozialdemokraten sein?

Ein erfolgreicher CDU-Chef muss die CDU als Volkspartei erhalten und wieder nahe 40 Prozent oder darüber hinaus bringen. Das verbietet einen radikalen Rechtsschwenk, weil die CDU auch liberale und christliche Wurzeln hat. Aber die AfD wieder deutlich kleiner zu machen - das muss möglich sein. Und da Friedrich Merz schon 63 ist, bleibt für Jens Spahn, den 38-jährigen anderen Bewerber des konservativen Parteiflügels, noch genug Zeit. Möge er diese Einsicht baldmöglichst gewinnen!

Allein Angela Merkel müsste unter einem Vorsitzenden Merz deutlich vor 2021 als Kanzlerin weichen - egal was dieser Tage in die Mikrofone gesprochen wird. Aber vermutlich ahnt sie das längst. Denn Merz hat sich schon vor 15 Jahren das Kanzleramt zugetraut. Und jetzt wohl erst recht. Eine innovations-orientierte Koalition mit FDP und Grünen - das ginge auch ohne Neuwahlen. CDU - trau Dich!

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