Kommentar: Deutschtürken und Erdogan: ″Es reicht!″ | Kommentare | DW | 04.08.2018
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Türkische Community in Deutschland

Kommentar: Deutschtürken und Erdogan: "Es reicht!"

Schon lange ist der türkische Präsident in den Medien omnipräsent. Oft im Fokus: Türkeistämmige in Deutschland. Viele von ihnen sind es leid, allein auf das Thema reduziert zu werden. Zu Recht, meint Daniel Heinrich.

Neulich in Köln, Versuch einer Straßenumfrage unter Deutschtürken zum geplanten Staatsbesuch des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan in Deutschland. Ein junger Mann um die 30, Anzug Lederschuhe, Hemd, glatt gekämmte Haare, lächelt mich an. Er hört auf zu lächeln, als er die Fragestellung hört: "Och nee. Echt jetzt? Schon wieder Erdogan? Habt ihr nix anderes zu berichten?"

Haben wir offenbar nicht. Seit Wochen, Monaten, wenn nicht seit Jahren ist der türkische Präsident in den deutschen Medien omnipräsent, kaum ein anderer Staatsführer kann da mithalten. Sicherlich liegt die Fokussierung auf den 64-Jährigen auch an der engen historischen Verbindung zwischen der Türkei und Deutschland. Schon das Deutsche Kaiserreich und das Osmanische Reich waren nicht nur "Brüder im Geiste", wie unter anderem der gemeinsame Waffengang im Ersten Weltkrieg beweist. Nach dem Zweiten Weltkrieg war es vor allem die Geschichte der Gastarbeiter, die die Verbindung dieser so unterschiedlichen Länder weiter festigte.

Heute gibt es rund drei Millionen Menschen mit türkischem Hintergrund in Deutschland, und die finden sich in jüngster Vergangenheit angesichts der immer erratischeren Politik des Autokraten in Ankara einer ständigen medialen Dauerbeobachtung ausgesetzt. "Für" oder "gegen Erdogan" scheint zum Mantra geworden zu sein für ein holzschnittartig gebasteltes Bild vom "schlechten" oder "guten Türken". Es wird zum Gradmesser darüber, ob jemand als integriert gilt oder nicht: Grauzone aufgehoben, Zwischentöne gibt es nicht mehr. Hass aus der jeweils anderen Gruppe ist demjenigen garantiert, der offen in ein Mikrofon spricht. Mal ganz ehrlich: Hätten Sie unter diesen Umständen noch groß Lust, sich öffentlich zu äußern? 

Erdogan hat die Deutschtürken entdeckt

Daniel Heinrich Kommentarbild App PROVISORISCH

DW-Redakteur Daniel Heinrich

Recep Tayyip Erdogan ist ein begnadeter Populist, er hat geschickt ausgenutzt, dass die Gruppe der Türkeistämmigen sowohl von der türkischen Opposition als auch von der deutschen Politik jahrzehntelang ignoriert worden ist. Er war der erste Politiker, der den Türkeistämmigen in Deutschland gesagt hat, dass er ihnen wirklich Aufmerksamkeit schenkt. Er hat es möglich gemacht, dass sie sich von Deutschland aus an Wahlen in der Türkei beteiligen dürfen. Ob er dies aus wahltaktischen Gründen oder aus wirklicher Überzeugung getan hat, ist dabei eher zweitrangig. Sein Versprechen an die Deutschtürken, dass "die Türkei für sie" da sei, verfängt noch immer bei vielen Menschen in diesen Kreisen. 

Mehrheit der Deutschtürken stimmt nicht für Erdogan

Dem allgemeinen Eindruck zum Trotz ist es allerdings schlicht unwahr, dass eine Mehrheit der Türken in Deutschland Erdogan gewählt hat. Es gibt hierzulande rund 1,4 Millionen Menschen, die in der Türkei wahlberechtigt sind. Von diesen sind ungefähr die Hälfte, knapp 700.000 Menschen, zur Wahl gegangen. Und von diesen 700.000 haben rund 65 Prozent Erdogan gewählt. Das wären also ungefähr 450.000 Menschen, also etwa ein Drittel der Wahlberechtigten. Natürlich ist das noch immer eine hohe Zahl. Natürlich gibt es bestimmt auch unter denjenigen, die nicht in der Türkei das Wahlrecht haben, noch eine ganze Menge Erdoganunterstützer.

Aber allein die Tatsache, dass überhaupt nur die Hälfte der Wahlberechtigten zur Wahl gegangen sind, deutet an, dass der Einfluss des türkischen Präsidenten auf Deutschland gar nicht so groß ist, wie es bei einem Blick auf die Gazetten dieser Republik manchmal erscheint.

Deutsche Medien springen übers Stöckchen

Und dennoch: Anstatt jetzt endlich die Chance zu ergreifen, wirklich ernsthaft mit diesen Bürgern unseres Landes in einen Dialog zu treten, sich mit ihnen auseinanderzusetzen, ihnen ehrlich zu verstehen zu geben, dass auch sie selbstverständlicher Teil unseres Landes sind, springt die gesamte Medienlandschaft über jedes Populisten-Stöckchen, das ihnen der türkische Präsident hinhält. Reflexartig werden nach jeder Erdogan-Provokation von Reportern im ganzen Land Gruppenzugehörigkeiten abgefragt, deren rassistischer Unterton teilweise nur mühsam kaschiert wirkt.

Außer einer weiteren Zustandsbeschreibung und Stigmatisierung weiß ich nicht, was damit noch erreicht werden soll. Um den jungen Mann aus Köln nochmal zu zitieren: "Oh nee. Echt jetzt? Schon wieder Erdogan? Habt ihr nix anderes zu berichten?" Er hat vollkommen Recht. Irgendwann ist es auch einfach mal gut.

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