Kommentar: Deutschland am Rande des Nervenzusammenbruchs | Kommentare | DW | 28.07.2018
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Diskussion um Özil

Kommentar: Deutschland am Rande des Nervenzusammenbruchs

Am Rücktritt Mesut Özils zeigt sich der gefährliche Zustand, in dem sich Deutschland befindet. Das Land ist dabei, die Fähigkeit zum offenen Austausch von Argumenten zu verlieren, meint DW-Chefredakteurin Ines Pohl.

Am Anfang war das Problem eigentlich nur ärgerlich - im Vergleich zu den anderen Problemen, die die Welt bewegen, ehrlich gesagt sogar ziemlich klein. Ein deutscher Nationalspieler mit türkischen Wurzeln besucht Präsident Erdogan, posiert neben ihm, das Foto erobert das Internet. Eine Debatte beginnt, die interessant hätte werden können. Welche gesellschaftliche Rolle spielt ein Sportler, der bei großen Turnieren sein Land vertritt? Wieviel Loyalität darf dieses Land verlangen? Wo sind die Grenzen zwischen Rolle und Privatheit? Und überhaupt: Warum dürfen Politiker neben Despoten posieren, Nationalspieler aber nicht?

Spannende Fragen, vor der Weltmeisterschaft auch noch auf einem Niveau diskutiert, das durchaus seine erhellenden Momente hatte. Dann aber flog das deutsche Team krachend und so früh wie nie aus dem Turnier - und Deutschland offenbarte seinen wahren Zustand.

Özil zum Sündenbock stilisiert

Plötzlich wurde Mesut Özil, jener besagte Spieler, zum Sündenbock für das sportliche Versagen erklärt und damit zum Abschuss freigegeben. Die Diskussion verlor jedes Maß. Blanker Rassismus gewann die Diskurshoheit. Der Raum für sachliche Kritik an Özils Nähe zu Recep Tayyip Erdogan wurde immer kleiner. Plötzlich bestimmte die Behauptung von der fehlenden Loyalität von Menschen mit "Migrationshintergrund" weite Teile der öffentlichen Debatte.

Deutschland ist dabei, die Fähigkeit zu verlieren, als Gesellschaft gemeinsam um das bessere Argument zu ringen und zu streiten. Offensichtlich verlieren wir das Benimm-Regelwerk, das den geschützten Rahmen bildet für wirklich mutig geführte politische Debatten, für einen klaren und fairen Austausch von Argumenten.

Machtfrage zum Prinzip erhoben

Nicht nur in den sozialen Medien, auch von den Regierungsbänken herab werden unterschiedliche Einschätzungen zu Glaubensfragen stilisiert, die Machtfrage zum Prinzip erhoben und ein Gegenargument nicht als Angebot wahrgenommen, sondern als Angriff bekämpft.

Pohl Ines Kommentarbild App

Ines Pohl, DW-Chefredakteurin

Es klingt banal, aber: Diskussionen leben davon, dass man sich zuhört. Damit Gesellschaften sich überhaupt weiterentwickeln können, muss es Räume geben, in denen man sich mit Empathie begegnet, vom Wunsch getrieben, das Gegenüber erst einmal zu verstehen, um dann die eigene Haltung zu prüfen. Damit eine Auseinandersetzung überhaupt fruchtbar sein kann, muss am Anfang die Vereinbarung stehen, dass es eben die Argumente sind, die zählen - und nicht die Bestätigung der festgelegten Überzeugungen.

Erschreckende Zeitgeist-Wende

Wie der Konflikt um Mesut Özil geführt wird, zeigt, wie polarisiert Deutschland ist, und wie groß die Gefahr, dass auch hier, wie schon in so vielen anderen Ländern, am Ende der Wunsch dominiert, ein starker Führer möge kommen, endlich mal aufräumen und all jene mundtot machen, die eine andere Meinung vertreten.

Viele Diskussionsbeiträge in den Sozialen Medien belegen diese erschreckende Zeitgeist-Wende.

Ändern kann daran am Ende nur jeder selbst etwas - durch das eigene Verhalten und die permanente kritische Reflektion des eigenen Diskussionsverhalten.

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