Kommentar: Deutsch-französische Paartherapie | Kommentare | DW | 21.01.2020
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Ein Jahr Elysée 2.0

Kommentar: Deutsch-französische Paartherapie

Präsident Macron ist frustriert, weil seine Ideen keinen Anklang finden. Kanzlerin Merkel ist sauer, weil er politisches Porzellan zerschlägt. Deutschland und Frankreich brauchen eine Paartherapie, meint Barbara Wesel.

Der Aachener Vertrag vor einem Jahr, am 22. Februar 2019, war eine Art erneuertes Gelöbnis der Freundschaft zwischen Deutschland und Frankreich - so wie man sich nach einer ermüdeten Ehe einmal mehr die Liebe verspricht. In diesem Sinne ist er grandios gescheitert. Beide Seiten wissen, dass sie zusammen die schwierigen Zeiten besser überstehen können - aber sie gehen sich vor allem auf die Nerven. Die Unverträglichkeiten scheinen stärker als der Drang zum Zusammenhalt.

Eigentlich waren sie ein Dream-Team

Wie hatte sich Emmanuel Macron am Anfang um Angela Merkel bemüht. Er versprühte Charme und webte Freundschaftsgirlanden in seine Reden. Der Franzose umwarb die "liebe Angela", und fast meinte man die spröde Deutsche unter so viel Aufmerksamkeit erröten zu sehen. Nach dem hölzernen Hollande und dem halbstarken Sarkozy schien der junge Präsident der Inbegriff von geistiger Brillanz und von Reformeifer - der ideale Partner für die Deutschen.

Angela Merkel auf der anderen Seite erschien als der Fels in der europäischen Brandung: So erfahren und unerschütterlich - eine Politikerin ohne Furcht und Tadel. Nur sie konnte Wladimir Putin das Krimabkommen abringen und in der EU Sanktionen durchsetzen. Nur sie konnte den revolutionären Eifer von Alexis Zypras ausbremsen und Griechenland im Euro halten. Die Bundeskanzlerin erschien ideal als mütterlich beruhigende Partnerin für den aufstrebenden Regierungschef in Paris.

Sie tut nichts, er ist hyperaktiv

Aber dann wuchs in kürzester Zeit die Frustration. Macron stellte fest, dass seine Reformvorschläge für die EU, die Vertiefung der Eurozone, eine Digitalsteuer oder was auch immer in Berlin einfach ignoriert wurden. Bestenfalls bildete man im Bundeskanzleramt einen Arbeitskreis. Die französische Bitte um militärische Hilfe in Mali wurde abgeschmettert, große Pläne bei der Verteidigungszusammenarbeit verliefen im Sande. Emmanuel Macron sah sich einer verfrühten Kanzlerinnendämmerung gegenüber und glaubte in Berlin ein Machtvakuum zu erkennen.  

Barbara Wesel Kommentarbild App *PROVISORISCH*

DW-Europakorrespondentin Barbara Wesel

Sie wiederum fühle sich überrumpelt vom ständigen Ansturm der Ideen, vom internationalen Ehrgeiz des Franzosen und seiner Art, undiplomatisch seine Meinung zu sagen. Die Nato sei hirntot, er wolle Mazedonien und Albanien nicht in die EU aufnehmen, und Europa solle die Annäherung an Präsident Putin suchen: Die politische Hyperaktivität von Macron stößt bei der Bundeskanzlerin auf Abwehr. Sie habe es satt, die Scherben aufzusammeln und die Tassen zu kleben, die er zerschlagen habe, soll Angela Merkel dem Präsidenten bei einem Abendessen gesagt haben. Das deutet schon auf eine beträchtliche Zerrüttung.

Sie brauchen eine Paartherapie

Kein Wort mehr zum abgenutzten Bild vom stotternden deutsch-französischen Motor, der die EU in Gang halten müsse. Längst geht es um mehr: Die Zukunft angesichts der Klimakatastrophe, die Stellung Europas in der Welt, die Notwendigkeit einer eigenen Verteidigung, das Verhältnis zu den Großmächten China und USA. 

Und da ziehen Deutschland und Frankreich nicht an einem Strang. Macron hat mit seinen Ideen mal mehr und mal weniger Recht, gibt aber häufig wichtige Denkanstöße. Berlin sollte also wenigstens zuhören und sich mit den französischen Ideen auseinandersetzen. Einfach die Finger in die Ohren zu stecken und den Partner zu ignorieren, ist so ziemlich das Schlimmste, was man in einer Beziehung tun kann.

Umgekehrt fehlt in Paris das Verständnis für den komplexen Föderalismus in Deutschland, wo eine Bundeskanzlerin - zumal in einer Koalition - nicht einfach so regieren kann. Auch fehlt das Empfinden für eine andere politische Kultur, die mehr auf Interessenausgleich und Kompromiss gerichtet ist. Paris müsste bereit sein, statt großer Sprünge mit der Regierung in Berlin kleine Schritte zu versuchen, anhand einer Roadmap, wie das schöne politische Unwort heißt.

Insgesamt sieht es so aus, als bräuchten die beiden eine Paartherapie. Sie müssten versuchen einander zu verstehen, sich Fehler zu verzeihen und das gemeinsame Interesse zu erkennen. Daraus könnte wie im wirklichen Leben neue Zuneigung und bestenfalls eine wunderbare Freundschaft wachsen. Denn eines ist klar: Die Geographie schließt eine Scheidung zwischen den beiden Großen in Europa aus. Lieber sollten sie endlich lernen, besser miteinander auszukommen.