Kommentar: Der Missgriff des Patriarchen von Konstantinopel | Kommentare | DW | 13.01.2019
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Orthodoxe Kirche

Kommentar: Der Missgriff des Patriarchen von Konstantinopel

Die Abspaltung einer orthodoxen Kirche der Ukraine vom Moskauer Patriarchat ruft Kritik hervor. Das Ehrenprimat des Patriarchates von Konstantinopel hat sich überlebt, meint Miodrag Soric.

Türkei, Istanbul: Patriarch Kirill und Patriarch Bartholom im Gespräch (picture-alliance/dpa/ Press Office Of The Patriarch)

Patriarch Kirill von Moskau (li.) und Patriarch Bartholomäus von Konstantinopel bei einem Treffen im August 2018

Das Ehrenoberhaupt der orthodoxen Kirche, Patriarch Bartholomäus, hat den orthodoxen Gläubigen in der Ukraine Autokephalie, also Unabhängigkeit gewährt. Er hat dies eigenmächtig, gegen den Rat anderer Bischöfe getan und bricht damit das Kirchenrecht, die sogenannten "Kanones". Und er hat Entscheidungen zur Ukraine widersprochen, die er selbst vor wenigen Jahren noch getroffen hat. Die Reaktionen könnten schlimmer kaum sein: Andere Patriarchate verweigern Bartholomäus die Gefolgschaft. Sogar Mitglieder der Bischofssynode der griechisch-orthodoxen Kirche kritisieren ihn. Orthodoxe Kirchenfürsten aus Polen oder Tschechien stellen sich gegen Bartholomäus. Äbte und Starzen der Kirchenrepublik Athos mit ihren über 2000 Geistlichen schütteln den Kopf.

Applaus kommt hingegen vom US-amerikanischen Außenminister, dem früheren Vize-Präsidenten Joe Biden und einem ehemaligen CIA-Chef. Washington unterstützt die die Kirchenspaltung in Osteuropa. Moskaus Einfluss - selbst wenn es nur der kirchliche ist - auf die Ukraine soll geschwächt werden. Aus US-Sicht ist dies legitim. Kirchenrechtliche Bedenken sind ohnehin vielen Amerikanern fremd. Weshalb sollten sich heute Menschen an Konzils-Beschlüsse aus dem vierten Jahrhundert halten? Amerika versteht sich als die Heimat der Freiheit, vor allem der religiösen Freiheit. Ein Land, in das über Jahrhunderte Menschen geflohen sind, die anderswo verfolgt wurden. Aber auch ein Land, in dem laufend neue Religionsgemeinschaften entstehen: Scientologen, Mormonen, die Zeugen Jehovas, zahllose evangelikale Erweckungskirchen. Von den USA aus versuchen sie mit viel Geld die Welt zu missionieren - auch Osteuropa.

Ein Präsident drängte den Patriarchen

Patriarch Bartholomäus hätte sich für seine Entscheidung durchaus Zeit nehmen können; und vor allem sollen. Beschlüsse mit historischer Tragweite müssen im Konsens aller Beteiligten getroffen werden, so das Kirchenrecht. Doch der Patriarch in Istanbul ließ sich zur Eile drängen, vor allem vom ukrainischen Präsidenten Poroschenko. Der unglücklich agierende Staatschef kämpft um seine Wiederwahl Ende März. Seine Umfragewerte sind im Keller: weil es der Wirtschaft schlecht geht, weil ausländische Investitionen ausbleiben, weil die Korruption grassiert und kein Frieden herrscht im Osten des Landes. Da verspricht sich Poroschenko von der Gründung einer ukrainischen Nationalkirche zusätzliche Stimmen.

Soric Miodrag Kommentarbild App

Miodrag Soric ist DW-Korrespondent in Moskau

Doch viele Ukrainer sind skeptisch. Die weitaus meisten orthodoxen Gemeinden verbleiben nämlich beim Moskauer Patriarchat, also der kanonisch legitimen Kirche. Was die von Bartholomäus geschaffene neue Kirche eint, ist allein ihre Gegnerschaft zu Russland. Auf Dauer ein schwacher Kitt. Letztlich hat ihnen Bartholomäus nicht einmal völlige Unabhängigkeit gewährt. Denn er selbst ist ihr Patriarch. Andere orthodoxe Kirchen meiden eine solche kirchenrechtliche Konstruktion.

Das der Kirchenstreit so weit eskalieren konnte - daran hat auch das Moskauer Patriarchat Schuld. Zu oft zeigt sich Patriarch Kirill öffentlich an der Seite von Russlands Präsident Putin. Viele Ukrainer betrachtet ihn deshalb als verlängerten Arm des Kremls, was freilich mit der Wirklichkeit wenig tun hat. Aber die Wahrnehmung ist nun einmal so. Vor allem im fürchterlichen Krieg im Osten der Ukraine hätte sich das Moskauer Patriarchat stärker engagieren müssen - als Institution, die beide Seiten zum Frieden drängt, anhält, Brücken baut.

Konstantinopel ist Geschichte

Sich der Moderne, der politischen und gesellschaftlichen Wirklichkeit zu stellen, gehört nicht zu den Stärken der orthodoxen Nationalkirchen. Die griechische Kirche zum Beispiel spricht immer noch vom Patriarchat von "Konstantinopel". Die Metropole, die einst Hauptstadt des ost-römischen Reiches war, heißt seit Jahrhunderten Istanbul. Der Einfluss des dort residierenden Patriarchen lässt sich mit dem seiner Vorgänger im historischen Konstantinopel nicht vergleichen. Wieso also ist er weiterhin das Ehrenoberhaupt der Orthodoxie? Weil das im Frühmittelalter so war? Weil die Griechen hoffen, die Stadt "zurückzuerobern"? Das ist absurd. Das Ehrenprimat hat sich überlebt! Statt zu schlichten, schafft es neuen Streit - heute in der Ukraine, in Estland oder in Bulgarien; doch möglicherweise bald in anderen Teilen der Welt.

So ärgerlich, ja tragisch der Kirchenstreit der vergangenen Wochen auch sein mag - er birgt auch Chancen: Die Nationalkirchen könnten beschließen, "demokratischer" und gleichberechtigter zu werden: In jedem Jahr übernimmt ein anderes Patriarchat den Vorsitz unter den Kirchenfürsten. Demokratie und Gleichberechtigung begünstigen Offenheit und Toleranz. Und niemand könnte sich auf Dauer über Recht und vereinbarte Regeln stellen.

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