Kommentar: Der Fachkräfte-Gipfel bei Angela Merkel - Vom Ende eines Kulturkampfes | Kommentare | DW | 17.12.2019
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Fachkräftemangel

Kommentar: Der Fachkräfte-Gipfel bei Angela Merkel - Vom Ende eines Kulturkampfes

Menschen, die aus dem Ausland zum Arbeiten nach Deutschland kamen: Das war lange Zeit ein heikles Thema. Jetzt aber sind die Fakten so erdrückend, dass sich das Land dringend weiter öffnen muss, meint Jens Thurau.

Chinesisches Pflegepersonal in Magdeburger Altenheim (picture-alliance/dpa/J. Wolf)

Die Pflege in Krankenhäusern und Altenheimen ist schon heute ohne Fachkräfte aus dem Ausland undenkbar

"Soviel Konsens war nie", hat Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer am Montag im Kanzleramt gesagt. Gemeint ist der Konsens zwischen nahezu allen relevanten politischen und wirtschaftlichen Kräften in Deutschland, dass das Land Fachkräfte braucht aus dem Ausland. Und zwar nicht nur aus der EU, sondern auch aus anderen Ländern. Bis 2030, so sagen alle Experten, werden sechs Millionen Erwerbstätige in Deutschland fehlen. Schon seit Jahren schlägt vor allem das Handwerk Alarm - dort fehlen aktuell 250.000 Arbeitskräfte.

Das liegt zum einen daran, dass Deutschland immer älter wird. Es liegt aber auch daran, dass vor allem handwerkliche Berufe für viele Deutsche nicht attraktiv und zu schlecht bezahlt sind. Und es liegt natürlich daran, dass die Wirtschaft des Export-Landes Deutschland nach wie vor brummt. So wird fast leise - durch die Fakten - ein Kulturkampf in Deutschland beendet, der immer schon absurde Züge hatte.

Wahlkampf-Slogan "Kinder statt Inder"

Noch vor 20 Jahren bestritten konservative Politiker in Deutschland Wahlkämpfe mit der Angst der deutschen vor Arbeitszuwanderung. Der CDU-Politiker Jürgen Rüttgers etwa, wenige Jahre später Ministerpräsident in Nordrhein-Westfalen, sagte damals in einem Interview: "Statt Inder an die Computer müssen unsere Kinder an die Computer!"

Thurau Jens Kommentarbild App

DW-Hauptstadtkorrespondent Jens Thurau

Beides ist dann nicht passiert. Die von der damaligen rot-grünen Bundesregierung versuchte Anwerbung von indischen Computer-Experten verpuffte weitgehend wirkungslos. Die deutschen Kinder wurden aber auch nicht besser an Computern ausgebildet, in den Schulen schon gar nicht.

Der Grund für diese merkwürdigen Debatten war im Kern, dass deutsche Politiker sich nie getraut haben, offen auszusprechen, was längst Faktenlage war: Deutschland ist schon lange ein Einwanderungsland. In den 1960er-Jahren, teilweise auch schon früher, kamen viele Italiener, Türken, Portugiesen und Griechen ins Land, und sie wurden bewusst als "Gastarbeiter" bezeichnet, was die Erwartung ausdrückte, dass sie irgendwann auch wieder gehen würden. Das taten sie aber nicht - sie blieben, bekamen Kinder und deren Kinder selbst Kinder. Aber viele von ihnen kamen eben auch nie richtig an im neuen Land, weil die klare Ansage fehlte, dass man sie dauerhaft hier haben wollte. Auch das schuf dann die Integrationsprobleme, die das Land heute beschäftigen.

Deutschland gilt nur als mäßig attraktiv

Dieser Kulturkampf lebt fort bis heute, aber er wird nun auf anderen Bühnen ausgetragen: Die Rolle des Ausländerfeindes hat die rechtspopulistische "Alternative für Deutschland" (AfD) übernommen, die etablierten Kräfte des Landes schließen sich dagegen zusammen. Es ist auch das Verdienst der nüchternen Kanzlerin, ihrer Partei, der CDU, den Spuk von den gefährlichen Ausländern ausgetrieben zu haben. Angela Merkel ist schon lange der festen Überzeugung, dass das Land seinen Wohlstand nur durch weiteren Zuzug aufrechterhalten kann.

Jetzt muss das Land den festgestellten Fakten Taten folgen lassen: Unter den führenden Industriestaaten belegt Deutschland, die stärkste Wirtschaftsmacht der EU, nur einen Mittelplatz, wenn Menschen im Ausland gefragt werden, ob sie gern hierher kommen würden. Die Bürokratie ist unnötig schwierig, und die Bezahlung in vielen anderen Ländern schlicht besser. Nicht selten fehlt so etwa wie eine Willkommenskultur. Auch Meldungen von rechtsextremen und antisemtischen Gewalttaten schrecken potenzielle Zuwanderer ab.

Auch immer mehr Flüchtlinge finden Arbeit

Getrennt von der jetzt weitgehend anerkannten Tatsache, dass Deutschland Arbeitszuwanderung braucht, läuft natürlich die Flüchtlingsdebatte. Nach den vielen Menschen, die 2015 und 2016 ins Land kamen, hat das Land viele Verschärfungen in Asylfragen vorgenommen. Dabei tragen auch Flüchtlinge dazu bei, die offene Stellen zu besetzen: In den vergangenen vier Jahren hat fast eine halbe Million von ihnen einen Arbeitsplatz in Deutschland gefunden. Demnächst werden sicher auch viele Briten, geschockt vom Austritt ihres Landes aus der Europäischen Union, nach Deutschland kommen wollen - und viele von ihnen werden dauerhaft bleiben.

Das Land wird sich dadurch weiter verändern - bunter werden, vielfältiger. Trotz allem Toben der Schreihälse von Rechtsaußen: Gegen die Fakten kommt niemand an, die Mehrheit in Deutschland hat das jetzt endgültig verstanden.

Die Redaktion empfiehlt