Kommentar: Der Beweis im Fall Skripal | Kommentare | DW | 27.09.2018
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Gift-Anschlag in Salisbury

Kommentar: Der Beweis im Fall Skripal

Ein britisch-russisches Investigativteam hat neue Rechercheergebnisse zur Vergiftung der Skripals präsentiert. Es sind erdrückende Belege für eine Verwicklung des Kremls in den Anschlag, meint Ingo Mannteufel.

Bild Überwachungskamera (picture-alliance/dpa/Bildfunk/AP/Metropolitan Police)

Mit diesem Foto einer Überwachungskamera fahndete die britische Polizei nach den beiden Tatverdächtigen

Der von London der Täterschaft des Giftanschlages verdächtigte Russe "Ruslan Boschirow" heißt in Wirklichkeit Anatoli Tschepiga. Diese vom britisch-russischem Rechercheteam Bellingcat / The Insider mit umfangreichen Belegen veröffentlichte Behauptung mag nur wie ein kleines Puzzlestück im Fall Skripal wirken. Doch es ist weit mehr: Es ist ein entscheidender Beweis weit über den konkreten Anschlag in Salisbury hinaus, weil er die extreme Aggressivität der von Präsident Putin orchestrierten russischen Außenpolitik endgültig offenlegt.

Zweifelsfreie Täterschaft des russischen Militärgeheimdienstes

Allen bisherigen Vertuschungsversuchen und Ausflüchten des Kremls zum Trotz kann es von nun an keinen Zweifel mehr geben: Die Vergiftung des russischen Doppelagenten Sergej Skripal und seiner Tochter Julia in Salisbury sowie der tragische Tod der Britin Dawn Sturgess drei Monate später war ein vom russischen Militärgeheimdienst durchgeführter Nervengiftanschlag auf englischem Boden. Mehr noch: In Kenntnis des russischen Herrschaftssystems ist es unvorstellbar, dass ein solch aggressiver Akt ohne ausdrückliche Zustimmung des russischen Präsidenten stattfindet.

Mannteufel Ingo Kommentarbild App

Ingo Mannteufel leitet die Russische Redaktion der DW

Seit dem mit dem Nervengift Nowitschok ausgeführten Mordanschlag auf Skripal und seine Tochter im März hat die russische Führung versucht, die Urheberschaft der Tat abzustreiten und zu vertuschen. London hingegen hat viele überzeugende Indizien für eine russische Verstrickung vorgelegt. Doch der Kreml konnte zunächst einen propagandistischen Vorteil daraus ziehen, dass die britische Regierung in der Öffentlichkeit die konkrete Verbindung der Täter nach Russland nicht offenbaren konnte oder wollte.

Das hat sich Anfang September geändert: Seit die Fotos der zwei Tatverdächtigen mit den angeblichen Namen "Ruslan Boschirow" und "Alexander Petrow" veröffentlicht wurden, fallen alle Ausflüchte des Kremls in sich zusammen. Schon das Interview mit den beiden Tatverdächtigen im russischen Staatspropaganda-Kanal RT war lächerlich. Die aufgetischten Motive für den Salisbury-Besuch der angeblichen Touristen waren leicht als blanke Lügen zu erkennen.

Wer ist Anatoli Tschepiga?

Die neuen Rechercheergebnisse von Bellingcat und The Insider sind ein entscheidender Indizienbeweis. Denn die investigativen Recherchen belegen überzeugend, dass die Person mit dem angeblichen Namen "Ruslan Boschirow" in Wirklichkeit Anatoli Tschepiga heißt und ein langjähriger und hochdekorierter Offizier des russischen Militärgeheimdienstes ist. Nach drei Einsätzen in Tschetschenien hat Tschepiga 2014 sogar den höchsten russischen Orden "Held der Russischen Föderation" erhalten, der in der Regel von Präsident Putin persönlich verliehen wird.

Mit der Aufdeckung der wahren Identität eines der russischen Tatverdächtigen des Skripals-Anschlags in Salisbury ist die Verbindung zum russischen Militärgeheimdienst und zu den allerhöchsten Stellen in Russland überzeugend belegt. Sicherlich wird der Kreml alle vorgebrachten Belege abstreiten und eine neue Desinformationskampagne über die Medien starten. Doch mit diesen neuen Beweisen wird sich endgültig die Erkenntnis durchsetzen, dass der Kreml für den Mordversuch an Sergej Skripal mit dem Nervengift Nowitschok verantwortlich ist.

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