Kommentar: Denkpause für den Literaturnobelpreis | Kommentare | DW | 04.05.2018
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Literatur

Kommentar: Denkpause für den Literaturnobelpreis

Die Aussetzung der Preisvergabe für 2018 war unvermeidlich. Kann die Schwedische Akademie das Vertrauen, das sie durch einen Sex- und Korruptionsskandal verspielt hat, wiedergewinnen? Sabine Peschel ist optimistisch.

Die Schwedische Akademie in Stockholm - Die Achtzehn (picture alliance/dpa/H. Montgomery)

Eine Institution in der Krise - die Schwedische Akademie in Stockholm

Nun also tatsächlich: Die Schwedische Akademie vergibt 2018 keinen Literaturnobelpreis. Die Verleihung wird verschoben auf das nächste Jahr. Die Statuten der Akademie lassen das zu. Sieben Mal schon, zuletzt 1949, machte die Akademie von dieser Möglichkeit Gebrauch. Immer dann, wenn sie der Meinung war, dass es keinen würdigen Kandidaten gab, dessen Werk den literarischen und moralischen Vorgaben entsprach, wie sie Alfred Nobel in seinem knappen Testament formuliert hat. Genauso oft wurde er ganz gestrichen, wenn es die Umstände - wie beispielsweise während des Zweiten Weltkriegs - erforderten.

Vielleicht zwei Preisträger 2019

In diesem Jahr ist es die Akademie selber, die sich attestiert, nicht würdig zu sein, Kandidaten zu nominieren und im Herbst einen Preisträger zu verkünden. Für die literarische Welt ist das zunächst ein herber Verlust, auch wenn dann 2019 zwei Schriftsteller ausgezeichnet werden können. Es wird lange Gesichter geben, wenn es Donnerstag wird auf der Frankfurter Buchmesse 2018: Wenn sich am späten Vormittag eben kein Blick hoffnungsvoll auf den Livestream der Schwedischen Akademie richtet und Jubel bei einem der Literaturverlage in Halle 3 oder 4 ausbleibt. Seit 1901 wird der Literaturnobelpreis verliehen, immer am 10. Dezember, Nobels Todestag.

Peschel Sabine Kommentarbild App

Literatur-Redakteurin Sabine Peschel

Muss sich die von einem Belästigungs- und Korruptionsskandal erschütterte Schwedische Akademie wirklich so intensiv mit sich selber beschäftigen, dass sie nicht umhin kann, die Auszeichnung zu verschieben? Womöglich stirbt einer der langjährigen Preis-Kandidaten vorzeitig. Philip Roth ist seinem 90. Geburtstag näher als dem 80. Wiegenfest. Wie ungerecht mag sich für preiswürdige Schriftsteller wie ihn die Verzögerung möglicherweise auswirken!

Fakt ist: Die Akademie, die sich in dieser Frage mit dem Nobelpreis-Komitee eng abgestimmt hat, konnte gar nicht anders. Rein verfahrenstechnisch war sie in der Klemme. Nur noch zehn von ursprünglich 18 Mitgliedern sind in dem Gremium verblieben, dessen Aufgabe es ist, aussichtsreiche Kandidaten zu nominieren. Sechs Mitglieder waren ausgeschieden, obwohl sie das eigentlich gar nicht können - sind sie doch auf Lebenszeit bestimmt. Das Komitee ist nicht mehr beschlussfähig, und vor allem: Es sieht sich in einem großen juristischen Nebel. Es wird dauern, bis der sich gelichtet hat und geklärt ist, wie die Mitgliedschaft in der Akademie befristet werden kann oder wie weit das Vorschlagsrecht des Königs reicht. Carl XVI. Gustaf von Schweden, eigentlich nur Gast des Verfahrens, hatte für Reformen im heiligen Gral der Literatur plädiert. 

Kann das Vertrauen wiedergewonnen werden?

Viel bedeutender als diese organisatorischen und juristischen Probleme ist jedoch die Frage, ob das Vertrauen der literarischen Welt in die Akademie und ihre Entscheidungen wiedererlangt werden kann - denn das erhofft sie sich von dem Zeitaufschub. Es gibt schon seit Jahrzehnten immer wieder Stimmen, welche die Abschaffung des Literaturnobelpreises fordern: Er passe nicht mehr in die moderne Welt, in der das literarische Spektrum so breit ist, dass die Vergabe eines Preises von so eminenter Bedeutung und mit einem so hohen Preisgeld an einen Einzelnen absurd sei. Bei der Auswahl der Gekrönten werde zu sehr nach Europa geschielt, und zu oft seien krasse Fehlentscheidungen getroffen worden - regelmäßig fallen dann die Namen Dario Fo, Elfriede Jelinek und zuletzt auch Bob Dylan. Überhaupt sei der Preis und das gesamte Verfahren vom Geist des 19. Jahrhundert umweht: geheimnisumwittert, patriarchalisch, intransparent.

Katarina Frostensson, Jean Claude Arnault (picture-alliance/IBL Schweden)

Als Akademiemitglied soll Katarina Frostenson ihrem Ehemann Jean-Claude Arnault die Nobelpreiskandidaten verraten haben.

Die Schwedische Akademie muss sich reformieren, das dürfte mittlerweile unumstritten sein. Wie das gehen kann, muss nüchtern juristisch geklärt werden. Ihre Mitglieder müssen sich der öffentlichen Diskussion stellen. Längst ist der Belästigungsskandal um Jean-Claude Arnault, den Ehemann des inzwischen ausgeschiedenen Akademiemitglieds Katarina Frostenson, Teil der #MeToo-Debatte. Die alt-ehrwürdige Institution wird sich vom Beharren auf eben dieser Eigenschaft verabschieden, transparenter, zugänglicher und flexibler werden müssen. All das liegt auf der Hand. Das eigentliche Auswahlverfahren kann davon unberührt bleiben. Sofern nicht Kandidaten wie möglicherweise in den vergangenen Jahren - auch dieser Verdacht besteht gegen Arnault - vorzeitig verraten werden. Denn das ist kriminell, schon weil es Wetten verfälscht.

Leuchtturm für die literarische Welt

Der Literaturnobelpreis an sich hat nicht gelitten. Er muss erhalten bleiben, der Leuchtturm, der in die gesamte literarische Welt strahlt. Eine jährliche Feier - nicht nur für die ausgezeichneten Autoren, sondern für viele Verlage und Literaturliebhaber. Gelitten hat die Schwedische Akademie, die sich gründlich erneuern muss, um ihr Ansehen zurückzuerlangen. Jetzt, wo die ganze Welt nach Stockholm blickt, kann sie das schaffen. Auch wenn dafür ihre in grauer Vorzeit festgelegten Statuten geändert oder abgeschafft werden müssen.

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