Kommentar: Aufstehen gegen Rassismus im Stadion | Sport | DW | 22.03.2019
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Sport & Gesellschaft

Kommentar: Aufstehen gegen Rassismus im Stadion

Leroy Sané und Ilkay Gündogan werden beim Länderspiel in Wolfsburg rassistisch beleidigt. Von den eigenen Fans. Der wahre Skandal aber ist, dass sich fast niemand traute, diesen entgegenzutreten, meint Joscha Weber.

Leroy Sané beim Fußball-Länderspiel Deutschland-Serbien (Getty Images/M. Rose)

Als "Neger" beschimpft: "Einer fragte, wie man Sané denn sonst nennen solle", berichtet Journalist Voigt

Das Stadion. Ort der Emotionen, des Triumphes, der Leiden, des Wir-Gefühls. Und des Die-Gefühls. An kaum einem Ort des modernen Lebens können wir unseren Gefühlen so freien Lauf lassen wie in den Arenen des Sports. Sie sind ein Brennglas auf die Gesellschaft. Dort ist das ganze Land konzentriert auf engem Raum versammelt. Und dort kann man sich ausleben, mal so richtig loslassen. Schreien, weinen, freuen, bangen - und hetzen.

Natürlich gehört Letzteres nicht ins Stadion. Und dennoch kann man es dort. Noch immer. Weil kaum jemand aufsteht und widerspricht. Beim Länderspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Serbien in Wolfsburg haben drei Stadionbesucher gegen zwei Nationalspieler gehetzt. Nicht weil diese schlecht gespielt hätten oder es an Einsatz hätten vermissen lassen. Sondern einfach nur, weil sie einen Migrationshintergrund haben. Leroy Sané und Ilkay Gündogan sind "von einer kleinen Gruppe von Zuschauern fortwährend beleidigt worden", bestätigte der DFB den Augenzeugenbericht des Journalisten André Voigt, dessen emotionales und anklagendes Video für Aufsehen sorgt.

Die breite Masse hört weg

Weber Joscha Kommentarbild

DW-Sportredakteur Joscha Weber: "Wenn Rassisten das Stadion weiterhin als rechtsfreien Raum wahrnehmen dürfen, werden sie ihn nutzen."

Die Worte "Bimbo" und "Neger" fielen auf der Tribüne, aber auch "Man darf nicht mehr Zigeunerschnitzel sagen" oder "man darf nicht mehr Negerkuss sagen" oder "unsere Frauen können ja vergewaltigt werden", berichtete Voigt in einem Interview mit der Zeitung "Welt". Und noch schlimmer: Die offenbar alkoholisierten "Fans" hätten "einen kleinen Österreicher" für Deutschland gefordert und schließlich sei auch die Nazi-Parole "Heil Hitler" gefallen. Das Schlimmste aber war: Außer ihm selbst habe niemand auf der Tribüne den rassistischen Rufern widersprochen, so André Voigt. Die unfassbare Realität in deutschen Stadien: Rassisten können sich austoben und die breite Masse hört weg.

Wolfsburg ist dabei kein Einzelfall. Mal gedenken ganze Fankurven eines verstorbenen Neonazis, mal hört man Affenlaute, mal fliegen Bananen, mal wird per Banner beleidigt, mal per Sprechchor. Es geschieht in Deutschland, in Europa, in vielen Teilen der Welt. Wann hören diese unglaublichen Diskriminierungen endlich auf? Wenn wir nichts dagegen tun: nie.

Rassismus ist eine Straftat

Der Fall Wolfsburg zeigt: Es braucht dringend mehr Zivilcourage. Wenn Rassisten das Stadion weiterhin als rechtsfreien Raum wahrnehmen, werden sie ihn nutzen. Wenn sich die Mehrheit damit begnügt, schweigend wegzusehen, bestimmt die Minderheit die Tonlage. Wenn nun Nationalspieler Leon Goretzka fordert, aktiv und "mit viel Mut dagegen vorzugehen und solche Leute in die Schranken zu weisen", kann man nur hoffen, dass viele dem Beispiel des Journalisten Voigt folgen. Hätte dieser mit seinem Video nicht einen Sturm der Entrüstung entfacht, hätte wohl kaum der DFB ermittelt, hätten sich die mutmaßlichen Täter wohl kaum am Freitag bei der Polizei gemeldet. Ihnen droht nun vielleicht sogar eine Haftstrafe. Denn - und das vergessen offensichtlich auch die vielen Menschen, die weghören und -sehen - Rassismus ist kein Lausbubenstreich, den man einfach abtun könnte. Rassismus ist eine Straftat. Auch im Stadion.

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