Kommentar: Angela Merkel, Folge 150, oder: Wie man Testosteron-Männchen ignoriert | Kommentare | DW | 20.07.2018
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Angela Merkel

Kommentar: Angela Merkel, Folge 150, oder: Wie man Testosteron-Männchen ignoriert

Die Bundeskanzlerin hat auf ihrer Sommer-Pressekonferenz wieder einmal all ihre Eigenschaften gezeigt, die sie stark machen. Die Raute natürlich. Und vor allem: ihre Nervenstärke, meint Jens Thurau.

Zwei Presseauftritte in Berlin in dieser Woche: Am Freitag sitzt Angela Merkel, die Kanzlerin, wie jedes Jahr im Sommer vor den Hauptstadtjournalisten und ist äußerlich ungerührt. Und das, obwohl links und rechts und oben und unten Stürme toben, im In- und Ausland, manche erreichen sogar Orkanstärke. Und am Dienstag steht Innenminister Horst Seehofer von der CSU im Pressesaal seines Ministeriums und ist sichtbar angefasst. Dabei tobt sein Sturm nur rund um Bayern und Deutschland.

Thurau Jens Kommentarbild App

Hauptstadtkorrespondent Jens Thurau

Trump und Putin und das Testosteron - ach Gott ja.

Wie oft ist das jetzt eigentlich schon passiert mit dieser wundersamen Frau von 64 Jahren, dass verzweifelte, emotionale, machtversessene Männer sie herausfordern und dann - ja was? An ihr abprallen? Das trifft es nicht ganz. Merkel beschäftigt sich schon mit ihren Gegnern, den in den eigenen Reihen genauso wie mit denen in Washington oder Moskau. Aber sie ist nicht im mindesten wirklich persönlich betroffen. Das ganze Testosteron-Gehabe trifft sie nicht - sie hat die Gabe, das komplett  zu ignorieren. Dabei hilft natürlich, dass sie offenbar frei von jeder Eitelkeit ist. Gerade deshalb fühlt sich vor allem ein Donald Trump von ihr so herausgefordert - ein Mann, der es gewohnt ist, dass die Menschen ihn entweder verehren oder hassen, aber der offenbar am wenigsten damit umgehen kann, wenn sein Gegenüber gar nichts empfindet. Merkels Stil ist: totale Reduktion auf die Politik als Suche nach Kompromissen. Längst ist das die wichtigste Charakterstärke Merkels, die ganz wesentlich dafür sorgt, sie im Amt zu halten.

Eine gute Woche für Angela Merkel

Horst Seehofer hat auf seiner Pressekonferenz von einer unfairen Presse geraunt, davon, dass er tun und lassen könne, was er wolle, aber er werde doch falsch verstanden. Klang ein bisschen wie Donald Trump. Merkel dagegen hat die Woche mit einer Reise durch das Land verbracht - hat ein Pflegeheim besucht und einen Bauernhof und einen Kindergarten. Seht her, sollte das heißen, diese Themen sind den Menschen wirklich wichtig, nicht dieser hässliche Streit um die Asylpolitik. Obwohl sie ja heftig mitgestritten hat in den Wochen zuvor. Und dann hat sie ganz spontan diesen Presseauftritt angekündigt. Der Zeitpunkt war offenbar günstig. Für den Moment steht die Kanzlerin wieder mal als Siegerin da.

eutschland Angela Merkel im Kuhstall (Reuters/Bundesregierung/J. Denzel)

Landwirtin Ursula Trede (li.), Bundeskanzlerin Angela Merkel (Mitte) und das Kalb "Wirbelwind" (re.) am Donnerstag

Vergessen die Bilder aus dem Bundestag

Zuletzt hatte es hier und da Anzeichen dafür gegeben, dass auch Merkel nicht unberührt durch all den Streit gegangen sein könnte. Es gab Bilder von ihr im Bundestag, müde, erschöpft, offenbar am Ende mit ihrem Latein. Davon war an diesem Freitag nichts mehr zu spüren. Kein Wunder: Ihre Gegner im Inland demontieren sich selbst, die Gegner im Ausland dringen mit ihrem Hass und ihrer Verachtung nicht durch und treffen auf eine Kanzlerin, die einfach bei ihren Grundüberzeugungen bleibt. Multilateralismus statt Nationalismus, freier Handel statt neuer Zölle.

Abwarten, bis die Populisten sich zerfleischen

Natürlich, die Baustellen sind weiterhin viele und sie sind heftig: Das Verhältnis zu Amerika ist erst einmal ruiniert, Europa ist gespalten. Aber wenn Merkel immer wieder wie ein Mantra von dem Ziel spricht, europäische Lösungen zu finden, dann sagt sie das auch, weil sie weiß: Die Populisten können nicht gemeinsam gegen sie antreten, eben weil sie nationale Populisten sind, die sich am Ende immer gegenseitig bekämpfen. Wie die CSU in Bayern das gerade vorführt. Das zumindest kann Merkel erst einmal geruhsam abwarten. Nerven wie Stahlseile hat sie ohnehin. Hat Donald Trump schon wieder getwittert? Hat Seehofer mit Rücktritt gedroht? Hat Putin sich kriegerisch gezeigt? Ach Gott, ja.

Und jetzt: Sommer, endlich!

Wichtiger ist, findet die Kanzlerin, dass Deutschland erst einmal die Strategie für die künstliche Intelligenz umsetzt. So gesagt am Freitag. Und die Botschaft geht ins Land: So schlimm kann es uns noch nicht gehen, wenn die Chefin so gelassen bleibt. Und jetzt sind erst einmal Sommerferien. Ist doch auch schön.

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