Kolumbien: Radio von der Straße | Lateinamerika | DW | 06.08.2018
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Lateinamerika

Kolumbien: Radio von der Straße

Die Menschen aus dem Süden der kolumbianischen Stadt Barranquilla schaffen es selten in die Nachrichten, schon gar nicht mit positiven Geschichten. Mit einem mobilen Studio will das Bürgerradio Vokaribe das ändern.

Gestreifte Hosen, schwarze Oberteile, selbstbewusstes Grinsen auf dem Gesicht. Füße tanzen über den Asphalt, die Sonne brennt, Zuschauer klatschen begeistert und der Trainer lächelt stolz.

Es ist ein besonderer Auftritt: Die Gruppe "Siluetas" tanzt im Radio. Das ist so ungewöhnlich wie es klingt. Die mobile Radiosendung "Informativo a la Calle" (dt: Informationssendung auf der Straße) kommt heute live aus dem Stadtteil La Paz in Barranquilla, Kolumbien. Es ist die dritte von insgesamt zehn Sendungen des Formats, das das Bürgerradio Vokaribe diesen Sommer ausstrahlt – jeden Mittwoch in einem anderen Viertel in Barranquillas Süden.

Geschichten vom Wandel in vernachlässigten Vierteln

Tanztrainer Nelson Altahona ist einer der Gäste, die in dieser Ausgabe zu Wort kommen. Er erzählt von seinem Projekt, das Jugendlichen eine Perspektive geben soll. Manche von ihnen haben zu Hause Gewalt erlebt, viele eine Vergangenheit im Drogenhandel oder der Kleinkriminalität.

Jetzt trainieren sie drei Mal die Woche auf der Straße vor Nelsons Haus – denn in La Paz gibt es kein Kulturzentrum und die Gruppe muss fast ohne Geld auskommen. Seit über zehn Jahren leitet Nelson die Gruppe, fast 500 Jugendliche hat er über die Jahre betreut.

Die Mitarbeiter des Bürgerradios Vokaribe bauen ihr mobiles Studio in Stadtteilen von Barranquilla auf. (DW/C.Hebel )

Die Mitarbeiter des Bürgerradios Vokaribe bauen ihr mobiles Studio in Stadtteilen von Barranquilla auf.

Geschichten wie diese gibt es viele in den Vierteln des Südens der Metropole. Sie schaffen es nur selten auf die Titelseiten der großen kolumbianischen Medien. Wenn diese über die Stadtviertel im Süden der Stadt berichten, dann sind es immer die gleichen Themen: Unsicherheit, Autounfälle, Gewalt, Drogen. Aber die Realität ist – wie so oft – komplexer.

Viele der Viertel Barranquillas sind in den 60er und 80er Jahren entstanden, als Menschen vom Land in die Stadt zogen. Mittlerweile haben fast alle Elektrizität, befestigte Straßen, eine Schule und ein Krankenhaus. Doch es gibt viel Arbeitslosigkeit, informelle Beschäftigung und Probleme mit Banden und Drogenhandel. Aber eben auch: viele Menschen und Organisationen, die sich für den Wandel einsetzen.

Die Moderatoren der Sendung sprechen vor Ort mit den Menschen über ihre Probleme und Ideen. (DW/C.Hebel )

Die Moderatoren der Sendung sprechen vor Ort mit den Menschen über ihre Probleme und Ideen.

Senden, wo die Zielgruppe ist

Sie kommen in der mobilen Radiosendung zu Wort: Sei es die lokale Kooperative, die Unternehmertum fördert, die "Madres Comunitarias", eine Art kollektiver Kinderbetreuung im Viertel oder der Leiter der Schule, die "Friedensbildung" auf dem Lehrplan hat. Im Gespräch mit den Moderatoren Laura Senior und Walter Hernández sollen sie informieren, unangenehme Themen ansprechen – und einen Weg nach vorne, Alternativen aufzeigen. Für die Sendungen arbeitet Vokaribe mit der "Junta de Acción Comunal" zusammen, der lokal gewählten Bürgervertretung.

Das mobile Studio selbst braucht nicht viel: Kabel, einen Tisch, der mit bunten Wimpeln geschmückt wird, zwei große Lautsprecher, ein Mischpult und ein paar Mikrofone. So sendet Vokaribe von dort, wo die Zielgruppe ist. Das Ziel: Die Menschen einbinden. Und das Radio bekannter machen.

Das Format ist das Ergebnis von Bürgerjournalismus-Workshops, die Vokaribe veranstaltet hat. Unterstützt wurden die Radiomacher dabei von der DW Akademie und der Initiative "Deutsche Zusammenarbeit". Beide begleiten den Sender seit Jahren beratend und finanziell.

Ein Radiostudio mitten auf der Straße: Tisch, Klappstühle, Mischpult, Kabel, Mikrofone. (DW/C. Hebel)

Ein Radiostudio mitten auf der Straße: Tisch, Klappstühle, Mischpult, Kabel, Mikrofone.

Themen, die die Menschen umtreiben

Bürgerreporter Octavio González, seit der Gründung von Vokaribe vor 24 Jahren dabei, kümmert sich mit seinen Kollegen um die Vorbereitung der Sendungen. Er fährt in die Viertel, sammelt Themen, besucht Organisationen und macht Werbung. Während der Übertragung sorgt er dafür, dass nicht nur die geladenen Gäste etwas sagen, sondern auch das Publikum. Ein Ziel ist es, dass die Menschen das Radio nicht nur als etwas ansehen, das sie konsumieren, sondern an dem sie aktiv teilhaben können. Das Motto “Haz tu propia radio!” (“Mach dein eigenes Radio!").

Die Infrastruktur in den Vierteln ist fast jede Woche ein Thema. Es fehlt häufig an Zugang zu Elektrizität, in Los Rosales ist die Müllentsorgung ein Problem. Immer geht es auch um Unsicherheit. Nicht alle trauen sich, von ihren Sorgen und Träumen im Radio zu erzählen. Nicht nur aus Schüchternheit, manche auch aus Angst.

Noch immer ist die Meinungsfreiheit in Kolumbien eingeschränkt, Morde an bekannten gesellschaftlichen Akteuren verbreiten Angst. In manchen Vierteln sind paramilitärische Gruppen und Banden präsent. Kritik ist nicht gern gesehen. Gerade deshalb kann die Live-Sendung zu einer wichtigen Institution werden.

Die mobile Sendung zieht weiter

Sieben weitere "Informativos a la Calle" folgen diesen Sommer noch. Jede Sendung wird anschließend unter der Leitung von Koordinatorin Patricia Rendón ausgewertet und diskutiert, um die nächste noch besser vorzubereiten. Eine Überlegung ist, auch Verantwortliche der Stadt einzuladen, damit Kritik und Vorschläge auch bei denen ankommen, die sie umsetzen könnten.

Der nächste Traum von Tanztrainer Nelson Altahona und seinen "Siluetas" ist ein eigener Übungsraum. Mit Spiegel, Garderobe und Kostümen. Nach der Sendung spricht er mit Padre Cyrilo Swinne. Der Geistliche hat unter anderem die Bibliothek Biblio-Paz gegründet, wo auch Vokaribe sein Sendestudio hat. Für die Tanzgruppe hat er eine Idee: Er kennt ein Haus, das zu Verkauf steht. Es sei groß und könne ein Tanzstudio beherbergen. Vielleicht hat sich die Sendung für Nelson und seine Tanzgruppe gelohnt.

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