Die zentralen Begriffe im Koalitionsvertrag | Kultur | DW | 26.11.2021
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages
Anzeige

Worte und Politik

Die zentralen Begriffe im Koalitionsvertrag

In einem umfangreichen Vertrag hat die Ampelkoalition festgehalten, was ihr am wichtigsten ist. Und das meistgebrauchte Wort? Klima ist es nicht.

Christian Lindner, Olaf Scholz, Annalena Baerbock und Robert Habeck lächeln auf einer Bühne in die Kameras

Aufbruchstimmung? Christian Lindner (FDP), Olaf Scholz (SPD), Annalena Baerbock und Robert Habeck (Bündnis 90/Die Grünen) bei der Vorstellung des Koalitionsvertrags

Im Internet gibt es zahlreiche Programme, die man anwenden kann, um sogenannte "Wortwolken" zu erstellen, darunter Websites wie "tagcrowd.com" oder "wordcloud.com". Mit ihrer Hilfe lässt sich auf einen Blick erkennen, welche die am häufigsten vorkommenden Begriffe in einem Text sind. Stellt man dort den Koalitionsvertrag von Sozialdemokraten (SPD), Liberalen (FDP) und Grünen ein, erscheinen die Wörter "wollen", "stärken", "unterstützen" und "Deutschland" in quietschbunten Schreibschriftlettern als deutliche Spitzenreiter. 

Doch wie oft kommen sie wirklich vor? Und in was für einem Verhältnis stehen sie zahlenmäßig zueinander? Um das Gewicht dieser Begriffe miteinander vergleichen zu können, haben wir eine Auswahl an Wörtern aus dem Koalitionsvertrag zusätzlich durch die gute alte Dokumenten-Wortsuche gejagt - mit interessanten Ergebnissen und ohne Gewähr.

Spitzenreiter: das Wort "wollen"

Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg: Wenn dieses Sprichwort stimmen soll, dann können sich die Bundesbürger freuen, denn mit 494 Mal liegt das Verb "wollen" ganz weit vorne im Vertragswerk der Ampelkoalition. Und obwohl die Vertragspartner mit wärmenden Begriffen wie "stärken" (237 Treffer) und "unterstützen" (166) ihren Willen zum Regieren des Landes ("Deutschland" kommt 144 Mal vor) deutlich unterstreichen, erscheint der von vielen Wählern ersehnte "Wandel" indes nur 19 Mal, davon oft in Kombinationen wie "Klimawandel" und "Strukturwandel". 

Eine Mappe mit Aufschrift Koalitionsvertrag, dahinter eine Ampel sowie Spielfiguren und Stifte in Rot, Grün und Gelb

Teamwork der Ampel-Parteien: der Koalitionsvertrag von SPD, Grünen und FDP

Immerhin beides Problemfelder, mit denen sich die neue Regierung dringend beschäftigen muss - und dafür jede Menge "Wandel" benötigt. Oder ist es "Veränderung"? Wohl eher nicht, denn diese erscheint nur schnöde vier Mal in dem 178 Seiten starken Werk. Der radikale Kurswechsel, für den vor allem die Grünen ins Rennen gegangen sind, ist im Koalitionsvertrag also noch nicht deutlich zu erkennen - zumindest nicht buchstäblich.

Schlagwort "Klima"

Apropos die Grünen. Den Klimawandel aufhalten - dafür stehen sie wie keine andere Partei. Entsprechend oft kommt das Wort "Klima" in zahlreichen Kombinationen auch im Koalitionsvertrag vor, insgesamt ganze 198 Mal. Das traditionelle Kernthema der Liberalen hingegen, die "Freiheit", ist als einzelner Begriff und in Wortkombinationen lediglich 70 Mal vertreten. Der zentrale Begriff der Sozialdemokraten, die Gerechtigkeit, bildet mit 14 Treffern das Schlusslicht der Markenkerne. Das Wort "Wachstum" hingegen, was einmal als Mantra der Christdemokraten (CDU) - und auch der FDP - galt, hat nur noch ganze elf Mal Platz.

Die Zukunft der Arbeitswelt treibt angesichts der grundlegenden Veränderungen durch Klimawandel und Digitalisierung viele Wählerinnen und Wähler um. Das Papier widmet dem Thema ein ganzes Kapitel mit dem Titel "Respekt, Chancen und soziale Sicherheit in der modernen Arbeitswelt". Der Begriff "Arbeit" selbst erscheint 52 Mal im Vertrag, "Zukunft" 27 Mal. Auf die schmissige Kombination "Zukunft der Arbeit" haben die Koalitionspartner hingegen verzichtet. Apropos Zukunft: Das sogenannte "Gendern", also das Verwenden eines Binnen-Is oder sogenannter Gendersternchen, kommt in diesem Koalitionsvertrag (noch) nicht vor. Stattdessen wird die männliche und die weibliche Form genutzt.

Digitalisierung, Europa und Rassismus

Die Verbesserung der digitalen Infrastruktur ist ein Dauerbrenner hierzulande, allerdings glich dieser bisher eher einem Räucherofen als einem Schnellkochtopf: Deutschland ist in Sachen Digitalisierung eines der Schlusslichter unter den großen Industrienationen. Alle drei Koalitionspartner, allen voran die FDP und die Grünen, wollen die bessere digitale Vernetzung jetzt endlich in Angriff nehmen und widmen dem Thema sogar das erste Vertragskapitel mit der Überschrift "Moderner Staat, digitaler Aufbruch und Innovationen".  

Alle drei Parteien sind Befürworterinnen der Europäischen Union und wollen der wachsenden Skepsis gegenüber Brüssel entgegenwirken. Das wird verbal dadurch deutlich, dass die Abkürzung "EU" 150 Mal im Koalitionsvertrag vorkommt und "Europa" immerhin 34 Mal. Unter dem Kapitel "Deutschlands Verantwortung für Europa und die Welt" geht das Vertragswerk auf Themen wie Integration (29), Migration (23) und Flucht (11) ein. Auch der Kampf gegen den wachsenden Rassismus (9) und Antisemitismus (3) fehlt nicht. Bleibt zu hoffen, dass den vielen Worten aus dem Koalitionsvertrag im Regierungsalltag ebenso viele Taten folgen.

Zuallererst aber will sich die neue Regierung der Bekämpfung der Corona-Pandemie und ihrer Folgen widmen. So heißt es in dem Vertrag: "Die Pandemie zu besiegen, ist in diesen Tagen unsere vordringlichste Aufgabe, der wir uns mit voller Kraft widmen. Die notwendigen Schutzmaßnahmen umzusetzen und einen umfassenden Impfschutz voranzutreiben, ist eine gesamtstaatliche und gesamtgesellschaftliche Aufgabe." Das Wort "Corona" kommt - als Einzelwort und in Kombination mit "-Pandemie" und "-Hilfen" - immerhin 18 Mal vor. 

Die Redaktion empfiehlt